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Alexandras Spielplatz

Beitragvon Alexandra » 21. Juli 2015, 23:02

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Alexandra
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Dem Modell der anderen folgend, mache ich nun also auch einen Thread für diverses Alexandraspielzeug auf, kleine Geschichtchen oder Skizzen, die mich entspannen oder (meist: und) bei denen ich etwas ausprobiere, ohne groß was drumrum anlegen zu wollen.

Den geneigten Publikum wünsche ich Spaß beim Lesen.



Ach, und wenn einer ein Ideechen hat, was ich schreiben könnte, nur her damit. Ich bin nicht so der einsame Schreiber, ich spiele lieber.
Zuletzt geändert von Alexandra am 21. Juli 2015, 23:09, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Alexandras Spielplatz

Beitragvon Alexandra » 21. Juli 2015, 23:05

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Alexandra
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Das erste Exemplar dieser Geschichte ist dem einen oder anderen vielleicht im Affenpfotenthread über den Weg gelaufen, jedenfalls zur Hälfte. Als Hinterpfoten ohne Kopf.
Dann habe ich Vivien um ein paar beliebige Personendaten gebeten (ich kann mich immer nicht einscheiden) und die Geschichte rund gebaut.



Es ist kalt und nachts.

Totentanz


Spoiler:
 Totentanz

Harald Peschke, das hast du verbockt. Das hast du echt verbockt. Die Worte liefen als Endlosschleife durch seinen Kopf, während er sich nicht die Mühe machte, in den Spiegel neben dem Kühlschrank zu schauen. Das Gesicht kannte er. Oh, Mann.

Verbockt, Angelika hatte es ihm oft gesagt, Oft genug. Dass keine es mit ihm aushalten würde, so wie er drauf war. Mit einem, der, in Stochastik versunken, die Häufigkeit des Auftauchens bestimmter Blasengrößen in der Nudelsuppe in Kopf rechnete, während dieselbe zu unappetitlichem Brei verkochte. Der neben dem aus der Maschine auf den Boden geschleuderten verkohlten Toast saß und versuchte, die örtliche Gravitationskonstante anhand der Flugparabel rechnerisch nachzuvollziehen. Und das würde mit jedem Tag, den das Diplom näherrückte, schlimmer, sagte sie.

Die Meerschweinchen rumorten in ihrem Käfig. Eins pfiff. Er riss sich aus seiner Apathie und reichte ihm eine Karotte. Eine der Katzen maunzte und wollte raus.

Mit den Tieren kam er zurecht. Aber die Frauen, die jagten ihm Angst ein. Unverständlich waren die und redeten furchtbar viel. Und dauernd sollte man irgendwas machen. Da waren ihm seine Zahlen schon lieber. Eigentlich war ihm der Rumms, mit dem Angelika die Tür hinter sich zugeknallt hatte, als der Klang der Befreiung erschienen.

Er schüttelte den Kopf. Mit 25 brauchte man seine Freiheit. Und seine Ruhe. Er stand auf und ging zur Tür seines Wohnwagens, um die Mieze rauszulassen. Wie immer zog er das Bein ein wenig nach. Seit dem Fahrradunfall vor zehn Jahren, bei dem er sich die Kniescheibe zertrümmert hatte. Wegen des Kleinwagens, der ihm den Weg abschnitt. Gefahren von einer Frau, wie könnte es anders sein.

Die Gegend von Kiel, in der dieser Wohnwagen stand, war billig und abgelegen. Ohne Fahrrad ging nichts, ein Moped war ihm zu teuer. Waschen konnte er sich im Bach oder an der Uni. Störte doch keinen. Da war er anderes gewöhnt gewesen, früher im Kinderheim. Das härtete ab.

Dann die Zeit in der Straßenbande, dann dieser Sozialpädagoge, der ihn beharrlich verfolgt hatte. Nach der zweiten Jugendstrafe hatte er ihm zugehört, und durch die gemeinnützige Arbeit bei der Kirche war er dann zu Pastor Hansen gekommen, der ihn für ein wenig Mehrarbeit mit gutem Essen versorgt und ihn auf den zweiten Bildungsweg gebracht hatte. Ein Weg, der plötzlich lang wurde wie ein sich potenzierender Vektor, als sein Hang zur Mathematik entdeckt wurde. Seitdem hatte er immer zu essen gehabt. Jedenfalls, wenn er kochte, Angelika kochte oder er Pastor Hansen besuchte. Die Mensa war ihm zu teuer.

Suchend sah er sich um. Kein Essen. Brotkorb leer, Obst mochte er keins. Zeit, seinen väterlichen Freund und Mentor zu besuchen. Er zog sich Jacke und Schuhe an und verschloss die Tür hinter sich. Es wurde schon dunkel. Das Fahrrad stand zwischen Wohnwagen und Gebüsch. Er schob es aus dem Versteck und machte sich auf den Weg.

Sein Knie streikte nach wie vor. Er hielt an, massierte es und fuhr weiter. Die Landschaft versank immer schneller in Lichtlosigkeit. Automatisch begann er, den geschätzten Lumenwert durch Quadratmeter zu dividieren und brach ab, als er zu ungenau wurde. Unbeirrbar radelte er weiter. Sein Magen knurrte.

Es lohnte sich nicht mehr, den Lumenwert schätzen zu wollen, als er ankam. Unangenehm berührt, stellte er fest, dass alles dunkel war. Er ging ums Haus, fand einen liegengelassenen Gedichtband des Herrn Goethe, den Pastor Hansen verehrte, und legte ihn in der Garage ab, deren Nebentür offen stand, so dass er an die dort gestapelten Vorräte konnte. Nicht viel und kalt, aber besser als nichts. Im Goethe lesen? Das war übertrieben. Die Dose warf er in die Tonne und rülpste.

Dann kam ihm der Turm in den Sinn. Der stand meistens offen, und er konnte die Treppe hochgehen und vom Raum über der Turmuhr aus den Nachthimmel sehen und die Lichter von Kiel und deren Abglanz auf der Wasserfläche des Meeres.

Den Weg über den Friedhof hatte er schon oft zurückgelegt. Heute musste er dabei an seine Mutter denken, an die er sich kaum erinnerte. Eine von denen, die man früher Spökenkieker nannte und heute Verrückte. Die hatte beharrlich über die Geister geredet, die sie sah. Zu sehen glaubte, korrigierte er sich. Bis man sie zur Behandlung in eine Anstalt steckte, dann in die geschlossene Abteilung. Wo sie dann starb.

Die Tür des Turms war angelehnt, wie immer. Eine alte, schwere Holztür mit Beschlägen aus Metallornamente. Messing. Sie quietschte nicht mal beim Öffnen. Der Geruch von altem Weihrauch erfüllte ihn. Er blickte auf den nachtschlafenen Friedhof zurück. So was Ländliches wäre doch mal eine Kulisse für einen Zombiefilm überlegte er. Zombies auf Fahrrädern. Die auf den Grabsteinen Karten spielen und den Lebenden die Gedärme aussaugen.

Er zog die Tür hinter sich zu und stieg die Treppe hinauf. Der Turmraum war leer. Er stützte sich auf den Fenstersims. Zombies auf Fahrrädern, Eine Zombiefirma, die ihren Betriebsausflug macht, dachte er weiter und erlaubte sich ein schwaches Grinsen. Das wäre lustig. Dachte an blutleere, gierige, kalte Gesichter vor mahlenden Zähnen und zerrissene Totentücher. Hände mit schartigen Nägeln und zerfallendem Fleisch. Um den Lenker eines Fahrrads geklammert, überlegte er. Und da geschah es.

Inmitten der Nacht im Licht des kahlen Monds, den das graue Gewölk jetzt freigab, ächzen Fahrradketten den Hügel zum Friedhof hoch. Eine hinter der anderen, eine ganze Gruppe. Sie stanken. Die anrückenden Zombies waren in mehrere Lagen Leinentuch gewickelt, fleckig und von Verwesungsflüssigkeiten durchtränkt.

Sie erreichten das Friedhofstor, öffneten die Pforte, schoben die Räder hindurch und setzten sich erst mal auf ein paar Grabsteine. Dann machten sie es sich gemütlich und entfalten die Tücher, um die dort angesammelten, aus Ohren und Nasen gekullerten Maden einzusammeln. Aus dem Haufen in der flachen Hand nahmen sie einen Snack, schoben sich die wimmelnden weißen Tierchen in den Mund und setzten sich auf die flache Mauer.

Harald konnte sofort verstehen, was sie wollten. Sehnsüchtig erwarteten sie den magischen Moment: Schlag Mitternacht. Ein wenig war ihm, als könne er durch ihre Augen sehen, so selbstverständlich war ihre Anwesenheit. Und war trotzdem froh, dass keins dieser Augen sich zum Turm erhob.

Mit dem zwölffachen Donnern der Glocke regten sich die gepflegten Erdhügel, zitterten erst, dann brachen sie auf. Harald hatte die Gewalt über seinen Körper verkoren. Kein Schrei entrang sich seiner Kehle. Er konnte nur dastehen und anstarren, was dort unten geschah. Mit einem mal hätte er gerne das Buch gehabt. Unerklärlich.

Stattdessen schaute er im taghellen Mondenschein auf den Friedhofsplatz. Und da gab es so einiges zu sehen. Hier bohrte es sich durch die Oberfläche, dort rieselte Erde. „Aaaah“, ertönte es aus allen Zombiekehlen, als das erste sexy Magermodel der Ruhestätte entstieg und die weißen Knochen der Nachtluft darbot. Es kannte seine Wirkung und blieb erst mal auf dem Grabhügel stehen, um mit wehenden Tüchern zu posieren. „Ooooh“, machten die Besucher. Es klang wie Rasseln.

Nun stand das zweite da und reckte die Hüftknochen durch die weißen Schleppen. Und noch eins. Und noch eins. Ein wenig zierten sie sich noch, dann gaben sie dem Drängen der Zombies nach, die sie zum Rundtanz zogen. Die Schleppen ließen sie liegen, die störten nur. Wie sie ausgezogen worden waren, lagen sie über den Hügeln.

Schnell kam Stimmung auf: Während sie nach den Maden haschten, die die Zombies ihnen neckend vor den Mund hielten, hoben die tanzenden Toten die Schenkel und drehten die Rippenkästen. Die Gebärden wurden vertrackter, die Gesten vom rhythmischen Klappern der Fingerknöchel untermalt.

Keiner bemerkte den Zuschauer. Den leichtsinnigen Harald, der gleich einem Türmer auf dem Gemäuer stand, das zu schwanken schien wie ein sinkendes Schiff, und von oben den Reigen verfolgte. Er war gebannt, aber seine Lenensgeister erwachten wieder. Als wäre er ein jüngerer Harald, ein wilderer. Der Unfug machte. Der unabänderlich erkannte, dass es sein musste: So ein Tuch musste er haben. Kaum konnte er ein hysterisches Herauslachen unterdrücken.

Auf Zehenspitzen schlich er die Treppe hinunter, geräuschlos öffnete er die Seitentür. Geduckt kroch er die Hecke entlang bis zu einer Lücke im Buchsbaum, durch die er ein Laken greifen und an sich ziehen konnte.

Das Bündel unter dem Arm, flüchtete er sich zurück hinter geheiligte Türen und schob den Riegel fest zu. Diebisch freute er sich. Jetzt nichts wie die Treppe hoch auf den Aussichtsplatz, um nichts von dem Spaß zu verpassen! Ein echtes Leichentuch. Wie cool war das denn!

Immer noch schien der Mond, hell genug, um ihm jedes Detail des Tanzes, den sie schauderlich führten, zu zeigen. Er testete sein Handy, ob er was aufnehmen konnte, doch die Probefotos wurden zu dunkel und seltsam verwaschen, und er steckte es wieder ein.

Endlich verringerte sich die Zahl der Tanzerinnen, diese verlor sich und jene schritt gekleidet einher, und verschwand - husch! unter dem Rasen. Auch die Tänzer, die modrigen Untoten, sammelten ihre Fahräder ein und schlangen die zerrissenen Halstücher um die Totenhemden. Nichts fiel mehr heraus. Die Maden schienen erst mal verbraucht.

Doch gebot es die Höflichkeit zu warten. Denn eine ihrer Tanzpartnerinnen war noch unterwegs, trippelte und stolperte, tappte und grapste an den Grüften. Sie brauchte ihr Tuch! Suchend schauten die Zombies umher, einer bot ihr galant das seine an, doch sie lehnte ab. Verzweifelt griff sie sich an den Kopf, ergriff seine Hand und lehnte einen Moment lang an seiner Schulter. Wenn Zombies schmelzen könnten, würde er es jetzt tun.

Dann ruckte ihr Kopf nach oben und sie deutete auf die Spitze des Turms. Da! Sie witterte das Tuch in den Lüften. Nun gab es kein Halten mehr: Mit aller Kraft rüttelte sie an der Turmtür, doch die schlug sie zurück. Verdammte, herzlose Christen: Die Tür war geziert und gesegnet und blinkte von metallenen Kreuzen. Die Schöne taumelte zurück.

Wieder machten die Zombies Oooh und Aaaah, doch diesmal angesichts ihres Mutes. Denn nun ergriff sie den gotischen Zierat und hangelte sich von Zinnen zu Zinnen die Mauer hoch. Welch eine Frau, die nichts unversucht ließ, um ihr Outfit wiederherzustellen! Und welch eine Bestie der Mensch: Die Schöne ruckte sich von Schnörkel zu Schnörkel hinan, die Zombies bewundern die schlanke Schönheit, und Harald, der Mensch, der verworfene, was tat er? Jetzt, wo er Teil der Tanzrunde wurde? Er drehte durch.

„Langbeinige Spinne, verschwinde“, kreischt der Rohling und zückt zugleich sein Handy, um sie beim Klettern aufzunehmen. Wobei der eine oder andere Zombie ebenfalls das Handy zückte, in der Hoffnung, ihre knochenfeinen Züge auf Facebook zu erhaschen. Bei den Menschen wusste man nie.

Harald, dem unfreiwilligen Türmer, entfuhr ein unmodulierter Schrei, als er die verringerte Distanz erkannte. Das Handy ließ er fallen, er erbleichte. Bebend umklammerte er das Laken. Gern gäb' er es ihr wieder. Kaum konnte er die Finger öffnen, als er die Trophäe über die Brüstung hielt und los ließ. Es musste sein, jetzt ging es um sein Leben.

Entsetzlich die Enttäuschung. Das Tuch hing fest, keinen Meter unter ihm an den eisernen Zacken der Turmuhr. Er beugte sich vor, doch die Skeletthände der Zornigen klammerten sich knapp unter ihm an die Mauersteine. Mit einem Mal war er wach wie nie. Ein Stöhnen tief in der Kehle würde wohl der letzte Laut seines Lebens sein, gerade jetzt, wo seine Gegenwart ihn belebte wie nie. Er wich zurück.

Eine Wolke verhüllte den Mond. In diesem Moment begann die Glocke ein zweites Mal zu schlagen, ein Mal zu schlagen, sie donnerte das Eins. Ein endloser Augenblick. Und unten zerschellte das Gerippe.

Die Arme um den Kopf gekrallt, rollte Harald sich am Boden der Plattform und schrie. Es würde lange dauern, bis er still wurde und bemerkte, das keine nach ihm griff. So verpasste er, wie die Zombies kopfschüttelnd die Knochenreste zusammenkehrten und so gut es ging ins Grab füllten. Noch eine Gedenkminute, dann bestiegen sie einer nach dem anderen die Fahrräder und verließen den nächtlichen Friedhof. Die Fahrradketten knirschten. Schade war das zum Schluss, dachten die Zombies, und Haralds Kopf dachte mit. Trotzdem ein toller Event. Und vielleicht würde der Mensch das Gesicht der Schönen doch bei Facebook einstellen. Der eine oder andere streichelte sein Handy.

Aber sie hatten kein Glück. Untote eben. Als Harald zu sich kam, voll Schürfwunden, vollgepinkelt und bibbernd, galt sein erster Griff tatsächlich dem Handy. Er tippte sich durch Telefonbuch und Bilder. Ein neuer Tag auch hier. Alle Dateien gelöscht.

Zitternd tastete er sich durch das Treppenhaus, um zum Pfarrhaus zu kommen. Sich zu waschen und umzuziehen. Essen würde er nie wieder können, so deutlich, wie er die Maden vor sich sah. Doch zögernd und ganz von Ferne keimte ein zaghafter neuer Plan. Den Madenausstroß der Zombies exponentiell zu berechnen.

Er konzentrierte sich, bis sich sein Geist klärte. Als er den Kaffeeduft roch, war er schon unbeirrbar am Rechnen. Vielleicht gab es auch Rührei, wenn er fragte. Ganz ohne gefährliche, quasselnde Frauen. Und gebratenen Speck. Und Maden. Maden?
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Re: Alexandras Spielplatz

Beitragvon GruftiHH » 25. Juli 2015, 15:36

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Ich finde es auch besser nur einen Thread zu haben, als für jede Geschichte.

Die obige hat mir gut gefallen. Schön skurril und schwarz. :st:
* Am Ende des Regensbogen sehen wir uns wieder. *

Re: Alexandras Spielplatz

Beitragvon Laurin » 25. Juli 2015, 16:21

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Klasse. :st:

Mehr davon bitte ... :D

Re: Alexandras Spielplatz

Beitragvon Sokrat » 25. Juli 2015, 16:32

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Einfach klasse, ich freue mich auf mehr :st:
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Re: Alexandras Spielplatz

Beitragvon Alexandra » 25. Juli 2015, 17:44

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Anscheinend ist heute der Tag, an dem Leute nett zu mir sind. :juhu:

Gebt mir mal paar Erzählkerne, irgendein Ding, Name, Ereignis, Problem.
Nichts Kompliziertes, nichts Vorvernetztes.



Kennt ihr meine Website (Signatur!)? Da muss ich paar Analysen umschreiben, Inhaltsangaben ergänzen zur Orientierung und so Zeugs.
Und habt ihr meine lange Geschichte "Flucht" paar Threads weiter gelesen? Die muss ich jetzt loslassen, sprich: das Ende schreiben. Das Loslassen ist das Schwerste.
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Re: Alexandras Spielplatz

Beitragvon Sokrat » 25. Juli 2015, 17:48

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Alexandra hat geschrieben:Anscheinend ist heute der Tag, an dem Leute nett zu mir sind. :juhu:
.

Jeder sollte einmal im Leben so einen Tag haben :lol:
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Re: Alexandras Spielplatz

Beitragvon Alexandra » 25. Juli 2015, 17:55

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Yeah!
Und jetzt mein Erzählkern, bitte.
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Re: Alexandras Spielplatz

Beitragvon Hofnarr » 25. Juli 2015, 21:05

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Wie soll Kern ausehen ?
Meanwhile in Manchester:
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Rettet den Ulmer Stammtisch
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Re: Alexandras Spielplatz

Beitragvon Alexandra » 25. Juli 2015, 22:21

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Also, zum Beispiel eine Person (Name, paar Personendaten verstreuter Art) und irgendwas, vielleicht ein Konflikt, gerne banalster Art, z.B. Einkaufswagenchip verloren irgendwo oder mit wahnsinnigem Servorobot allein auf der Siedlerwelt XY.
Gern auch aus der PR-Welt: irgendwelche Welten oder Völker.
Elemente, die eigentlich nicht zusammenpassen zum Beispiel. Nichts Vorrationalisiertes ("was ihr entgegenkommen könnte").
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Re: Alexandras Spielplatz

Beitragvon Croco » 26. Juli 2015, 23:54

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Sowas in der Art?

Rabo Konikka, männlich, Ende 50 (also Jungspund), mehrfach vorbestrafter Kleinganove, wird am 16.03.2637 auf Lepso tot aufgefunden. Bei Durchsuchung seines Appartments werden Unstimmigkeiten entdeckt. Scheinbar hat er sich mit Leuten angelegt, die mehr als nur eine Spur zu groß für ihn waren. Daten wurden gelöscht und manipuliert, was nur zufällig entdeckt wurde.

Seine Schwester lebt auf Plophos und hat mit der Sache zu tun. Sie ist Geschichtslehrerin auf einer allgemein bildenden höheren Lehranstalt, ihr Hobby ist interstellare Archäologie, Spezialgebiet: die Bigheads von Kahalo.

Musste Rabo sterben, weil er einmal in seinem Leben was richtig machen wollte? Oder war er dem Coup seines Lebens auf der Spur? Oder war es nur eine tragische Verwechslung?

Wir wissen es nicht, aber vielleicht lässt uns Alexandra in Rückblicken die Geheimnisse seines verpfuschten Lebens entdecken...

Sowas in der Art?

Re: Alexandras Spielplatz

Beitragvon Alexandra » 27. Juli 2015, 01:24

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Re: Alexandras Spielplatz

Beitragvon Alexandra » 27. Juli 2015, 22:21

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Also dann...

EIN TOD AUF LEPSO

Spoiler:
Ein Tod auf Lepso

I.
Kopfschüttelnd stieg Karole Konikko die schmuddelige Wendeltreppe hoch, die zur Wohnung ihres Bruders führte. Es war heiß und stickig, und ein seltsam widerlicher Blutgeruch durchzog das Gebäude. Dass es so was im Jahre 2637 noch gab. Sogar auf Lepso, fand sie, war das ein Anachronismus.

Aber Rabo hatte nun mal diese deprimierende Neigung zu schlechter Gesellschaft. Schon in der Schulzeit. Sofern man von Schulzeit reden konnte, außerschulische Zeit wäre wohl treffender. Immer war er mit genau den Leuten befreundet gewesen, die nichts taugten. Die ihn auf üble Idden brachten und in der Folge in Schwierigkeiten. Sogar auf Plophos, einem zivilisierten Planeten, wo die Familie in einem Vorort von New Taylor ein Einfamilienhaus mit Garten bewohnt hatte.

Ein schönes Haus, nicht zu vergleichen mit dieser versifften Absteige. Immerhin, sie hatte sich Lepso an sich noch schlimmer vorgestellt. Ehrlich gesagt hatte sie nicht geglaubt, dass Plophos und Lepso außer ihrer Entfernung zu Sol irgendwas gemeinsam hatten als einen einzigen verwirrten Einwohner, nämlich ihren Bruder.

Nun hatte sie trotz des unangenehmen, subtropischen Klimas schon einige schöne Landschaftsabschnitte gesehen auf dem Weg vom Raumhafen zum dünn besiedelten Kontinent Abanfül, auf dem ihr Bruder lebte. Gut, sie hatte nichts aussteigen dürfen, wegen ihrer Sicherheit, wie die Positronik des Taxis erklärte, aber was sie vom Gleiter aus sah, ließ sie an den wilden Geschichten von mörderischen Wirbelstürmen und all dem anderen zweifeln. Das war wohl alles ein wenig übertrieben.

Die Leute hatten immer übertrieben, wenn es um die Untaten ihres Bruders ging. Er war gar nicht so schlimm. Er traf halt immer die falschen Leute. Nun wurde er 50, und bei der allgemeinen Lebenserwartung im 27. Jahrhundert kam er damit in ein Alter, in dem er langsam mal was Solides anfangen konnte. Das war ihm wohl auch klar geworden. Deswegen war sie hier.

Deswegen und wegen seiner Nachricht, die sie kurz vor Ende des Schuljahres als billiger, einfach kodierter Hyperfunkspruch erreicht hatte: „Schwesterherz, ich gelobe Besserung. Bald habe ich einen Job. Komm mich besuchen.“ Bring Geld mit – dieser Zusatz fehlte. Bemerkenswert.

Nun hatte sie seitdem nichts mehr von ihm gehört, aber das war sie gewöhnt. Sie konnte ihre Schüler bändigen. Da würde sie auch ihren Bruder in den Griff bekommen. Irgendwann sicher. Karole war Geschichtslehrerin auf einer allgemein bildenden höheren Lehranstalt in New Taylor, so dass sie sogar während der Arbeitszeit ihrem Hobby frönen konnte, der interstellaren Archäologie.

Ein ausgemergelter Gataser mit kahlen Stellen im Körperflaum kam ihr im engen Treppenhaus entgegen. Die Schwerkraft half ihm wohl, treppab zu kommen. Er schmiegte sich an die Wand, schien den Putz abzulecken, so dass der Tellerkopf flach lag und alle vier Augen durch sie hindurchstarrten. Sie presste sich an die gegenüberliegende Wand, bis er vorbei war. Ekelhaft.

Noch zwei Stockwerke. Der Blutgeruch wurde stärker, und dicke, schillernde Fliegen summten. Höchte Zeit, dass Rabo hier rauskam. Dann könnte er etwas Interessantes machen, zum Beispiel ihr bei ihren archäologischen Studien helfen, und alles würde gut werden.

Die Wohnungstür stand offen, als würde er sie erwarten, doch angesichts der Fliegendichte fühlte sie sich beklommen. Der Vorraum war karg eingerichtet, ein paar Ablagen, die Statuette eines Kahalo in halber Lebensgröße, die sie mal entworfen und für ihn ausgedruckt hatte. Das war ihr Forschungsschwerpunkt, und sie freute sich, sie hier zu sehen, auch wenn ein abgeschabter Hut daraufsaß. Rabos Humor halt.

Dann verging ihr das Lächeln, und ihr Magen entwickelte ein unangenehmes Eigenleben. Das klebrige Zeug, was unter dem Türspalt hindurchgequollen und erstarrt war, das konnte – musste – mit einem erstickten Schrei sprang sie zurück und rannte die Treppe hinunter, ehe sie sich auf dem untersten Treppenabsatz übergab.

Die benachbarte Wohnung öffnete sich, zwei krallenbesetzte Hände hielten die Tür auf, zwei andere stemmten sich gegen den Türstock und lange, feucht glänzende Fühler spielten ihr entgegen. Aus einem Kranz überdimensionierten Modeschmucks starrte das Gesicht einer Insektoiden sie missbilligend an. „Schon wieder so eine“, knarzte sie. „Mädel, hör doch zu saufen auf, wenn du nichts verträgst. Das machst du alles selber weg, oder du wirst dein blaues Wunder erleben, du asoziale humanoide Schlampe.“

Spoiler:
II.
Tatsächlich fühlte sich Karole viel besser, seit die Polizei da war. Tatsächlich hatte die feindselige Insektenfrau sie gerufen, doch sie war umgehend eingetroffen und ihr, sobald sie die Wohnung oben untersucht hatten, alles abgenommen.

Sie fühlte sich schon ein wenig besser. Lepso war gar nicht so schlimm, auch wenn der verhaltensgestörte Gataser und die Insektenfrau sich komisch verhalten hatten. Schlechte Gesellschaft eben. Genau das, was sie von ihrem Bruder gewöhnt war. Gewohnt gewesen war, korrigierte sie sich und kämpfte mit den aufsteigenden Tränen.

Der aus der dampfenden Tasse aufsteigende scharfe Kräutergeruch lenkte sie ab. Sie schaute aus dem Fenster des Polizeigleiters. Jetzt trugen sie eine Bahre aus dem Haus zum wartenden Leichenwagen. Karole zwang sich, mit regelmäßigen Atemzügen den beruhigenden Teegeruch einzuatmen.

Unwillkürlich setzte sie sich zurecht, als der gut aussehende Polizist zurückkam und einstieg. Seine geradezu violetten Augen hatten es ihr angetan, irgendwie fühlte sich das alles viel erträglicher an, wenn er sich um sie kümmerte. Er hatte ein sympathisches Lächeln, das sie erwiderte.

„Wir fahren jetzt in die Zentrale und kümmern uns um das Organisatorische“, erklärte er ihr und legte eine Hand auf die ihre. „Das muss alles schrecklich für dich sein.“
Sie nickte und fühlte neue Tränen aufsteigen.
„Dein Bruder – hat er dir Informationen zukommen lassen, Speicherkristalle oder etwas Ähnliches?“
Sie schüttelte den Kopf. „Gar nichts. Warum?“
„Nun“, erwiderte der Polizist, „seine Wohnung ist quasi verwüstet, und alles Speichermedien fehlen. Die Hauspositronik war wohl schon vorher kaputt, aber jetzt wurde sie richtig auseinandergenommen. Deswegen stellt sich die Frage, ob er irgendwo Informationen deponiert hat.“
Karole schüttelte den Kopf. „Ich weiß von nichts.“
Der Polizist lächelte verständnisvoll, aber ihr fiel auf, wie sein Blick auf ihrer Handtasche ruhte.

Die Zentrale, zu der er sie brachte, befand sich in einem hohen, pilzförmigen Gebäude mit Tiefgarage. Dort unten parkten sie ein. Vor dem Antigravschacht nach oben befand sich eine Schranke. Eine heruntergekommene Halbarkonidin mit fettigen Haaren sammelte ihre Habseligkeiten ein und ließ alles in einem Fach mit Laufband verschwinden.

Beunruhigt sah sie ihnen nach, doch ihr beruhigend freundlicher Begleiter nahm sie am Ellbogen.
Das wird alles nach oben gebracht, da bekommst du es wieder. Eine reine Sicherheitsmaßnahme“, erklärte er. Das verstand sie natürlich und betrat willig den Antigravschacht, der sie über mehrere Etagen nach oben führte.

Dort befanden sich Büros, und als sie eines davon betraten und sie sich in den bequemen Ledersessel vor dem Schreibtisch setzte, fiel ihr erst auf, wie zitterig sie war. Ie atmete tief durch. Der Schock eben. Ihre Beine zitterten und ihre Hände auch. Dann begann sich der Raum in wildem Wirbel zu drehen und sie versank in einer tiefen Ohnmacht.

Als sie aufwachte, lag sie auf einer Liege und war mit einer Decke zugedeckt. Blinzelnd sah sie sich um. Ihre Handtasche lag da, und ihre Reisetasche auch. Draußen war es schon dunkel.
„Mir ist wohl schlecht geworden“, begann sie, als der nette Polizist erschien. Sein abweisender Gesichtsausdruck beunruhigte sie. Hatte sie etwas falsch gemacht?

Natürlich begann er nun wieder zu lächeln, und sie entspannte sich. Aber nur kurz. Der junge Mann setzte sich auf den Plastikstuhl neben ihrer Liege, und vorsichtig schwang sie die Füße über den Rand, um sich aufzusetzen. Er legte die Daumen der gefalteten Hände zusammen, und sie blickte ihn aufmerksam an.

Draußen durchschnitt ein schriller Schrei die Stille, und er stand auf, um die Tür zu schließen. „Nun“, begann er. „Es gibt ein paar Probleme.“
Karole erschrak.
„Dein Bruder, wie soll ich es sagen – er war in Machenschaften verwickelt, die sich, bitte erschrick nicht – sozusagen am Rande der Legalität bewegten und ein bisschen darüber hinaus.“
Karole seufzte. „Immer schon. Ich hatte ja so gehofft, dass er ein wenig Boden unter den Füßen bekommmen würde nach seiner letzten Nachricht.“
In den violetten Augen sah sie Mitgefühl, und tiefes Vertrauen stieg in ihr auf. Für diese Begegnung hatte sich alles gelohnt, so schrecklich der entsetzliche Tod auch gewesen sein mochte.

Der Gedanke an die angetrocknete Blutlache in Rabos Wohnung schreckte sie plötzlich auf, ihr war, als würde sie aus einem tiefen Traum erwachen.
„Wie kam es denn nun zu seinem Tod?“, fragte sie stockend.
Der Polizist schüttelte den Kopf. „Fast alle Daten sind weg, aber wir können wohl mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit annehmen, dass er ermordet wurde.“

Karole schluchzte auf. „Aber warum nur?“, stammelte sie.
„Dieses gründliche Verwischen der Spuren legt nahe, dass es Profis waren. Ein Syndikat. Von denen haben wir leider nur allzu viele. Er ist wohl in was Reingeraten, das zu groß für ihn war.“
Er blickte sie ernst an. „Und gefährlich für alle, die davon wissen.“

Gerade als sich lähmende Angst in Karole breit machte, bog jenand Schnelles, Kleines um die Ecke der Stellwand und machte dem Polizisten ein Zeichen. Es war die ungepflegte Halbarkonidin. Sie kratze an einem Pickel, während sie eifrig auf den Polizisten einredete, der aufgesprungen war und sie in eine entfernte Ecke des Raumes gezogen hatte.

Unwillkürlich runzelte Karole die Stirn, als sie die beiden so eng zusammenstehen sah. Die Frau erschien ihr so minderwertig, so halbseiden, und es widerstrebte ihr, dass diese gut aussehende Mann mit so was zu tun hatte. Dann wurde ihr klar, dass er natürlich beruflich mit allen zusammenarbeiten musste, die hier beschäftigt waren.

Die Frau verschwand, ohne gegrüßt zu haben, und ihr Beschützer kam mit sorgenvoller Miene zu ihr zurück.
„Leider ist alles noch viel schlimmer, als wir dachten“, eröffnete er ihr. „Wir müssen dich sofort in Sicherheit bringen.“
Aber – die Beerdigung?“, stammelte sie.
„Alles erledigt, die Leiche wurde gescannt, untersucht und eingeäschert. Wir haben alle Daten, die wir brauchen, und du kannst deinen Bruder mit nach Hause nehmen. Das willst du doch.“

Langsam nickte sie, während ihr neue Tränen in die Augen schossen. Der stille Friedhof in New Taylor – wie weit weg war das alles von dieser schwülen, drückenden Hitze und den furchtbaren Leuten, mit denen Rabo zu tun gehabt hatte. Oh, es war schrecklich. Sie wusste noch gar nicht, wie sie den Eltern das alles erklären sollte.


Spoiler:
III.
Eine unsichtbare Faust drückte die kräftige Windböe über den Eincheckbereich des Raumhafens und ließ die Hitze einige Momente lang zurückweichen. Karole hielt die Handtasche und die Tüte mit der Urne umklammert – eine hellgrüne Einkaufstüte, das diene der Tarnung, hatte der Polizist gesagt. Er trug ihr die Tasche. Einen heraneilenden Servorobot hatte er weggeschickt. Diese Geste gab ihr so viel, sie war unendlich dankbar.

Er stieg mit in den Gleiter, der sie zum Raumschiff brachte. Das ragte immer höher vor ihr auf. Ein ziemlich alter Kugelraumer, auf dessen Außenhülle im schwachen Licht der Scheinwerfer der Name SCHANGHAI aufleuchtete. Sie sollte gleich starten. Ein Glück, dass sie gerade jetzt diese Route flog.

Jemand stand auf der Rampe, als sie ankamen. Der Polizist gab ihm die Tasche. Dann fasste er sie um beide Schultern.
„Vergiss nicht, dies ist ene Nacht- und Nebelaktion. Du warst kaum einen Tag hier, und wir konnen die Spuren verwischen. Wenn die Leute, mit denen dein Bruder sich angelegt hat, davon erfahren, werden sie euch folgen. Dich töten, deine Eltern töten. Also denke daran, Stillschweigen zu bewahren. Jedem gegenüber. Je weniger du redest, desto weniger Mitwisser gibt es. Wenn diese Leute auf dich aufmerksam werden, gibt es nichts, was wir für dich tun können.“

Karole versprach zu schweigen. Dann lächelte sie zögernd.
„Eines noch“, fragte sie. „Du hast mir so viel geholfen und ich weiß nicht einmal deinen Namen. Wie heißt du denn?“
Der Mann stubste mit dem Zeigefinger an ihre Nase. „Das ist geheim. Alles Datenschutz. In unserer Abteilung hält man den Namen geheim.“
Einen Moment lang überlegte er, dann huschte ein Lächeln über seine ebenmäßigen Züge.
„Nenn mich einfach Alex.“
„Alex?“, wiederholte sie verblüfft.
„Alex“, bestätigte er. „Das ist ein guter terranischer Name, und so gut wie jeder andere.“
Er winkte ihr nach, bis sie die Einstiegsluke passiert hatte.

Das Besatzungsmitglied der SCHANGHAI, das ihr Tasche trug, brachte sie zu einer Kabine. Sie war vergleichsweise komfortabel, wenn man den Zustand des Raumers bedachte, und sie erhielt einen Chip, mit dem sie Nahrung, Getränke und Unterhaltungsmöglichkeiten vor Ort bezahlen konnte.
„Ein Drink pro Tag ist umsonst“, erklärte der dürre, bärtige Mann, „aber nur wenn es keiner von den teuren ist. Die Endabrechnung gibt’s beim Auschecken auf Plophos. Alles klar sonst?“
Sie nickte.

Die Triebwerke fuhren hoch, die Zelle vibrierte und mit dem Donnern des einsetzenden Schubes fuhren die Andruckabsorber hoch. Jetzt fiel der zweite Planet der gelben Sonne Firing wohl schon hinter ihnen zurück, wurde zum Ball in der Weite des Raums, so klein, dass man sich kaum vorstellen konnte, was dort passiert war.

Sie nahm die Urne aus der Einkaufstüte und stellte sie auf den Tisch. Ließ die letzten Stunden Revue passieren. Erschauderte vor Angst. Und fühlte sich plötzlich leer, als habe sie jemand betrogen.

Was die Aufklärung angeht, Croco, kann ich dir nur einen Rat geben:
Sei nicht so neugierig.
Das kann böse enden.
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Re: Alexandras Spielplatz

Beitragvon Croco » 27. Juli 2015, 22:38

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Danke, ich wurde schon aufgeklärt... B-)

Re: Alexandras Spielplatz

Beitragvon Vivian-von-Avalon » 28. Juli 2015, 15:06

Vivian-von-Avalon
GruftiHH hat geschrieben:Ich finde es auch besser nur einen Thread zu haben, als für jede Geschichte.

Die obige hat mir gut gefallen. Schön skurril und schwarz. :st:


Oh - wirklich sehr schön skurril und schwarz .... und diese Angelika, die die Tür hinter sich zuknallt ... oh ja, die hat was ... fragt sich jetzt jemand, warum ........???????? Oh, nicht doch ......

Re: Alexandras Spielplatz

Beitragvon jogo » 28. Juli 2015, 18:55

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Ich bin momentan nicht wirklich in der Lage etwas beizusteuern, erlebte ich doch nur verwirrende Realsatire.
Da geht doch ein jogo-Yogi in die Türkei zum Yoga-Urlaub. Eine Woche Auszeit, Selbstfindung und Erholung von Beruf und Forum.jogo-Yogi allein unter Frauen. Nein, nicht ganz alleine, denn es gab noch 2 Kater und einen Rüden. Nicht, dass er diese als Konkurrenz sah, wiewohl er auf Grund der Streichelattacken sich durchaus vorstellen könnte als Kater seine ÜBSEF wieder manifestieren zu lassen. Dennoch kam er zwischen der Yogafigur der Krähe, die er lieber als liegende Krähe umsetzte, und der Asana des Baums mit geschlossenen Augen, die eher wie ein Baum im Sturm oder besser ein höppelnder Ent aus Herr der Ringe, gefangen zwischen Beckenbodenübungen und Überkopfarbeiten, die auch wahrend der...seiner?...Menstruation einen positiven Effekt haben und Asanas, für die Bikini-Figur, den er doch gar nicht tragen wollte, zu Gesprächen mit den kraulenden Yoga-Damen, die ihm ihr Leben offenbarten mit Patnerschaftsproblemen, welche an Surrealismus nicht zu überbieten waren. So wurde dem jogo-Yogo schnell klar, dass er sich in Pararealitäten verloren hatte.
Du siehst Alexandra: Ich kann dir leider nichts liefern.... :D
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Re: Alexandras Spielplatz

Beitragvon Alexandra » 28. Juli 2015, 19:16

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Darf ich damit machen, was ich will?? :devil: :devil: :devil:
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Re: Alexandras Spielplatz

Beitragvon jogo » 28. Juli 2015, 22:19

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Genau darum geht es doch hier... :D
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Re: Alexandras Spielplatz

Beitragvon Alexandra » 28. Juli 2015, 22:22

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Ich war mir nicht sicher, wie lädiert du warst.
Ich habe schon paar Ideen - mich in eine Erholungssituation einzufühlen, dafür muss ich allerdings einen ganz weiten Weg zurücklegen.
Womit du mich natürlich endlich da hast, wo du mich seit jeher haben willst. *grins*
Gerade arbeite ich wieder an der "Flucht" - gib mir paar Tage, und du wirst froh sein, den Urlaub erlebt zu haben, den du hattest.
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Re: Alexandras Spielplatz

Beitragvon Alexandra » 1. August 2015, 00:11

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Nun denn, es sei -

Die Ankunft

Spoiler:
Es war spät abends, als der Deutsche ankam. Der Zug fuhr weiter. Der verlassene Bahnsteig lag in unbewegter Finsternis und Ruhe. Ruhe hatte er sich gewünscht: Eine Woche Auszeit, Selbstfindung und Erholung. Kein Beruf, keine Freunde, keine Verpflichtungen. Die Finsternis machte ihm Angst.

Entschlossen stellte er den Koffer ab, dehnte die Schultern und atmete in tiefen und regelmäßigen Zügen ein und aus, um sich das Ziel seiner Reise und ihr Programm zu vergegenwärtigen: eine aktive Auszeit zu nehmen. Sich zu erholen. Wie es im Katalog hieß: Zeit zu haben, um in Stille dem Wind zu lauschen, der durch die Pinien strich und ihren würzigen Duft mitbrachte.

Vom Yogazentrum Lupullia hoch über dem Meer auf dem Bergrücken des Taurusgebirges war nichts zu sehen, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete seine Lage oder die Richtung an. Lange stand er auf dem Bahnsteig, der über eine lange, einsame Landstraße hin zum Ziel führen sollte. Er atmete Nachtluft und blickte am Bahnhofsgebäude vorbei in die scheinbare Leere.

Kein Knarren von Rädern, kein Ochsenkarren, kein Esel, kein altersschwaches Motorrad. Eine Ahnung nur vom Meeresrauschen in weiter Ferne. Da ging er los, ein Nachtlager zu suchen. Zum Glück erreichte er nach einer Viertelstunde Fußmarsch durch die unberührte türkische Natur ein einsames Dorf mit weiß getünchten Häusern. An einem prangte ein Wirtshausschild. Weil es so spät war, sein Akku leer war und seine Füße schon schmerzten, pochte er an die Türe, um das Telefon zu benutzen oder sich dort einzumieten.

Sein Klopfen hallte in der dunklen Nacht und senkte rabenschwarze Einsamkeit in sein beklommenes Herz, bis nach bangen Sekunden Schritte zu hören waren: Im Wirtshaus war man noch wach. Der Wirt hatte zwar weder ein Zimmer zu vermieten noch Telefonanschluss oder gar Netzverbindung, aber er wollte, von dem späten Gast äußerst überrascht und verwirrt, den Deutschen in der Wirtsstube auf einem Strohsack schlafen lassen. Der war damit einverstanden. Einige türkische Bauern waren noch beim Bier, aber er wollte sich mit niemandem unterhalten, obwohl er einige Brocken ihrer Sprache beherrrschte. Zu lange hatte die Zugfahrt gedauert.

Bescheiden wie immer holte er selbst den Strohsack vom Dachboden und legte sich in der Nähe des Ofens hin. Warm war es, die Bauern wurden still, dann gingen sie heim. Ein wenig prüfte er die Glut im offenen Kamin mit müden Augen, dann schlief er ein.

Aber kurze Zeit darauf wurde er schon geweckt. Eine hagere Matrone in schwarzem Kaftan, mit goldfarbenem Modeschmuck behangen, mit schauspielerhaft geschminktem Gesicht, die Augen mit dickem Kajal und moosgrünem Flüssiglidschatten umrahmt, die Augenbrauen zu gezupften, hohen Bögen gestaltet und die gespitzten Lippen blutrot bemalt, stand mit dem Wirt neben ihm. Das erkannte er, sobald sie die Taschenlampe senkte, mit der sie ihm ins Gesicht geleuchtet hatte.

Aufmerksam sah sie ihn an, um einen überlangen, tiefrot lackierten Fingernagel auf ihn zu richten: „Da bist du ja, mein Bester. Wir haben uns Sorgen gemacht. Und wir sind überaus verwirrt. Die Unterbringung im Lupullia erfolgt in den Bungalows, die rund um unsere Oase des Friedens, der Entspannung und der Meditation angeordnet sind. Nicht in diesem Gasthaus, Schätzchen.“

Wie um ihren Worten zu widersprechen, fuhr die lackierte Kralle an einer Wange entlang und zeichnete seine Unterlippe nach. Er nieste.
„Dieses Dorf ist nicht Teil unseres Yogazentrum. Wer hier wohnt oder übernachtet, wohnt oder übernachtet nicht bei uns. Das rechnen wir nicht ab. Das kannst du nicht machen."

Der Deutsche hatte sich halb aufgerichtet, hatte die schütteren Haare zurechtgestrichen, blickte die Besucherin von unten her an und erkundigte sich benommen: „Muss ich denn die Erlaubnis zum Übernachten haben? Ich habe mich nicht ausgekannt. Da muss es doch eine andere Regelung geben.“

„Die Erlaubnis muß man haben«, war die Antwort, und es lag darin ein großer Spott für den Deutschen, als die hagere Frau mit ausgestrecktem Arm den Wirt fragte: »Oder muss man etwa die Erlaubnis nicht haben?«
"Dann werde ich mir also die Erlaubnis holen müssen", sagte der Deutsche, peinlich berührt gähnend, schob die Decke von sich, und setzte sich auf.
„Jetzt um Mitternacht die Erlaubnis holen?« rief die Geschminkte und trat einen Schritt zurück.
"Ist das nicht möglich?" fragte der Deutsche verwirrt. "Warum haben Sie mich dann geweckt?"

Die magere Dame legte den Kopf zur Seite, so dass ihr Ohrring im Lampenlicht blitzte „Ich habe dich geweckt, um dir mitzuteilen, dass dein Bungalow bereitsteht. Alles ist gerichtet. Bitte komm schnell mit, um dir weitere Formulare und Extrakosten zu sparen.“

Dem Deutschen leuchtete die Logik ein und er stand ächzend auf, um seine Kleidung zu richten und die Schuhe zu suchen. „Komme ich denn pünktlich zum Yogakurs, den ich gebucht habe?“, erkundigte er sich. „Vielleicht habe ich die Einführung verpasst wegen der Verspätung.“
„Da mach dir mal gar keine Sorgen, mein Lieber“, erwiderte die ausgemergelte Frau. Sie griff nach dem Wanderstock, den sie an den Kamin gelehnt hatte. „Wir wrden ganz pünktlich sein. Wenn wir jetzt losgehen, werden wir den Sonnenaufgang über dem Meer erleben können, wenn wir ankommen. Der Gong wird zum Frühstück rufen und erste Sadhanas werden unseren Geist in seiner empfindsamen Tiefe erbeben lassen. Komm mit!“

„Natürlich“, erwiderte der Deutsche schüchtern, „aber jetzt muss ich schon mal fragen: Müssen wir dann die ganze Nacht duch gehen? Ich meine ja nur, ist das nicht ziemlich lang?“

Von der Leidenschaft spontan aufflammender Erkenntnis überwältigt schloss sich die Krallenhand um die seine. „Der Weg zu uns selber ist lang, unendlich lang und doch nur ein Moment im Ozean der Zeiten. Von Reinkarnation zu Reinkarnation trägt uns die ewige Reise. Oh, ich bin mir sicher, ich fühle es: wir kennen uns schon seit ewigen Leben. Sage es mir: Wie heißt du in diesem Körper, mein Ewiger?“

Der Deutsche wagte nicht, ihr seinen Arm entziehen zu wollen. Vom Blick in die geschminkten, tiefbraun lodernden Augen gebannt, stotterte er: „Jo- Jo – Joachim!“
„Joachim!“ flüsterte sie und zog seine Hand an ihren dürren Oberkörper, umschloss sie fest, küsste sie. „Joachim! Gehen wir! Nimm deinen Koffer!“

Der Kloß in seiner Kehle war zu groß, um widersprechen zu können. Ein letzter hilfloser Blick auf den bärtigen Wirt, und der Deutsche folgte ihr in die Nacht.
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Re: Alexandras Spielplatz

Beitragvon Alexandra » 2. August 2015, 00:35

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Vor der Pforte

An dieser Stelle möchte ich feststellen: ich kenne Jogo nicht von Angesicht zu Angesicht. Tatsächliche Ähnlichkeiten sind infolgedessen reiner Zufall. Tatsächlich hatte ich noch mal nachgefragt, und wir sprachen über Yoga, Orte, zwei Schriftsteller, die wir beide schätzen, und dies und das...

Spoiler:
Windböen brachten Meeresluft, während der Deutsche stetig weiterschritt, höher und höher den gewundenen Pfad entlang, den verzagten Blick auf den Rücken, manchmal den verlängerten Rücken seiner Führerin gerichtet. Dann schlug er die Augen nieder und dachte an seine Arbeit, um sich abzulenken.

Immerhin schien es ihm, als werde die Frau beim Gehen jünger und üppiger, dann wieder älter und grauer. Als sich die goldrosafarbenen Streifen des Morgenrots quer über die Weite des ins Unermessliche vergrößerten Himmels hin abzeichneten und sie sich umdrehte, um ihn abschätzend anzublicken, war sie hell und blond mit gerundeten Wangen und freundlichen hellbraunen Augen. Er musste das in der Nacht übersehen haben.

„Wie lange dauert das denn nun noch? Meine Schuhe sind fast durchgelaufen“, klagte er. „Ich habe Vollpension bezahlt mit allem Drum und Dran, und jetzt muss ich laufen.“
„So ein bisschen Laufen kann dir nicht schaden,“ erwiderte sie mit einem mahnenden Blick auf die Rettungsringe um seine Hüften.
„Ich habe mich auch gar nicht beschwert“, entschuldigte er sich. „Das wird schon alles seine Richtigkeit haben“, und er verbrachte die folgende Viertelstunde in gerechtem Zorn über die unverschämten, dummen Besucher, mit denen diese hervorragende Fachkraft sich sicherlich jeden Tag abmühen müsste. Er würde alles richtig machen, um sie zu entschädigen.

„Darf ich fragen - welche Stellung haben Sie eigentlich im Lupullia?“, fragte er vorsichtig, denn er wollte nicht gleich zu Anfang durch Unhöflichkeit auffallen.
„Darfst du nicht“, erwiderte sie abweisend. Hatte er sie beleidigt in seiner plumpen Art? Der Deutsche schämte sich. Er nahm sich vor, noch viel gründlicher auf sein Verhalten zu achten. Schließlich wollte er, dass dieser Kurs ein Erfolg wurde.

Nun kam tatsächlich das Gebäude in Sicht. Geschwungen und frei auf der Bergkuppe gelegen, davor ein quadratischer Pool, zu beiden Seiten die Bungalows. Joachim fühlte sich erhoben bei der Vorstellung, in einem von ihnen zu wohnen. Gleich fühlte er sich reiner und besser. Die Entspannung wirkte schon.

Zuvor jedoch steuerte die Frau, die nun wieder alt und verlebt wirkte, den Eingang an. „Da ist die Pforte“, erklärte sie. „Ich hoffe, du hast deine Papiere dabei.“ Siedendheiß fiel ihm ein, wie verkrumpelt seine Jacke auf dem Strohsack gelegen war und wie groß die Gefahr, ohne Ausweispapiere hier auf den Berg zu stehen und abgewiesen zu werden. Welche Mühe das diesen guten Leuten hier machen würde, daran wagte er gar nicht zu denken.

Verstört stellte er den Koffer ab und begann, die Taschen der Jacke zu durchwühlen. Zum Glück fiel ihm ein, wie er sicherheitshalber die Ausweispapiere im diebstahlsicheren Fach seines Koffers verborgen hatte. Er klappte ihn auf und begann, die gefalteten Freizeithosen, Hemden. Unterhemden, T-Shirts, Sockenknäuel und Unterhosen eins neben das andere auf die ausgetrocknete Erde zu legen, die nach Thymian und Salbei roch.

Der Schatten eines größeren Kleidungsstückes streifte ihn. Ein großer, schwingender Umhang, tiefschwarz. Dazu trug der ihn Überholende schwere Stiefel und eine weit geschwungene Sense. Sicherlich lag es an Joachims Ungeschicklichkeit, dass der später Gekommene ihn bemerken, innehalten und sich umwenden musste. Ein fahlweißer Totenschädel leuchtete aus dem Kragen hervor. Der große Schlapphut trug eine leuchtendrote Feder, die nachwippte, als der Fremde ihn bedächtig musterte, nickend grüßte und den Weg zur Pforte wiederaufnahm.

Dort klappte ein Fenster auf. Ein Torhüter schaute heraus. Er trug einen Pelzmantel und besaß eine große Spitznase und einen langen, dünnen, schwarzen tatarischen Bart, der zitterte, als er nach dem Begehr des Fremden fragte, der nach kurzen Gespräch seine Sense, die er an die Mauer gelehnt hatte, wieder aufnahm und den Ort verließ, einer weggerollten Ringelsocke ausweichend.

„Hatte der auch keine Papiere zur Hand?, fragte Joachim erschüttert. Die Frau, die jetzt schwarze Kraushaare hatte und grellpink geschminkte Lippen, schüttelte den Kopf. „Der hatte die falsche Adresse“, sagte sie. „Er sucht das Testudinata. Da gibt es Schokoladenmassage.“

Innerlich seufzte Joachim, doch wagte er nicht, seinen Hunger oder das Grummeln seines leeren Magens zu zeigen. Stattdessen hielt er ihr die Ausweispapiere hin. Sie nahm sie und ging voran. „Ich erledige das“, erklärte sie ihm. „Räum' deinen Koffer ein und komm mit.“ Gehorsam folgte er.
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Re: Alexandras Spielplatz

Beitragvon Alexandra » 3. August 2015, 14:35

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jogo hat geschrieben: 2 Kater und einen Rüden

Ich brauche Namen und Aussehen!
Die Personennamen importiere ich aus der Vorlage. Hast du sie erkannt?
Und: Waren da Kinder? Wenn nein, warum nicht?
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Re: Alexandras Spielplatz

Beitragvon jogo » 5. August 2015, 16:47

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Jaja Alexandra,
da ist man mal unterwegs, gibt ein paar unbedachte Äußerungen von sich und schon wird man völlig... ähem... ungewollt Teil einer Geschichte.
Ich bin im Moment sehr viel unterwegs und daher kaum in der Lage mich von deiner Muse knutschen zu lassen. Deine Version meines Urlaubs zu lesen, ist ungewohnt aber zugegeben auch sehr interessant. Mal schauen inwiefern es in ein paar Tagen besser wird. Meine Rumreiserei, nicht deine Geschichten... :lol:
Aber zu deinen Fragen:
Selbstverständlich gibt es auch Kinderyoga. Schädlich ist es nicht. Ganz und gar nicht. Ob man Kinder allerdings dazu bringt, eine Stunde im Yogasitz sich nicht zu bewegen und dabei einen Zustand an der Grenze des Wachseins und des Schlafens einzunehmen... das wird nicht funktionieren. Aber die Asanas, also die Bewegungsabläufe, gehen schon
Was mich bei Hund und Katze zu den entsprechenden Tierchen führt. Katzen gibt es in diesem Yogazentrum mehrere. Die beiden Kater haben sich das Grundstück sauber aufgeteilt und sie finden sich beim Abschlussabend am Samstag zum Grillen ein. Kein Wunder, gibt es doch frisch gegrillten Fisch. Die schnurren wie ab, wenn sie neidisch auf den Tisch starren.
Die Namen hab ich leider teilweise vergessen. Da gibt einen schwarzen Kater, der verschmust ist ohne Ende. Der andere Kater ist ein grauer Tiger und ein richtiger Pascha. Will spielen, indem er einen anspringt, aber ohne Krallen auszufahren. Hat von seinem Gesicht und auch seiner Größe etwas von einer Wildkatze. Lässt sich gerne streicheln, um da unvermittelt zum Spielen überzugehen. Und er will mit aufs Zimmer. Dann gibt es eine getigerte Yogakätzin. Deshalb, weil sie beim Yoga mitmacht.
Die andere Kätzin ist ganz weiß und ist anderthalb Jahre alt. Sie hat kürzlich drei Junge bekommen. Da sie von den Katern attackiert wurde, hatte sie sich mit den Jungen in die Dachrinne zurück gezogen. Leider haben zwei nicht überlebt, da sie so dünn ist und wohl nicht genügend Milch gab.
Das eine Junge hat momentan ein grünes und ein blaues Auge. Erkundet die Welt.
Das andere Kleine hat die Yogalehrerin vom Parkplatz des Bauhaus in Antalya mitgebracht. Offenbar sind frisch geworfene Kätzchen ausgesetzt worden. Die Kleine ist jetzt fünf Wochen alt vielleicht 6 und sie wird von etlichen Gästen und dem Personal gehegt, gepflegt, gefüttert...
Ihr Name ist wahlweise Mickey oder Bauhaus.
Grau getigert.
Die Hunde... Platzhirsch ist der schwarze Mischling Hermes. Der Rüde ist als junger Hund zugelaufen. In der Türkei gibt es viele obdachlose Hunde, die ein Herrchen regelrecht suchen. Hermes ist auch ein ganz Lieber. Es sei denn, man rennt oder er sichtet einen Gleitschirmflieger in der Luft. Dann bellt er wie ab.
Ein weiblicher Gast hatte vor vielen Monaten Princess aufs Gelände gebracht. Die war am Verhungern und krank. Sie hat die Hündin aufgepäppelt und nimmt sie nun nach der Quarantäne nach Deutschland mit. Ein Hund, der einen Genpool darstellt, der seinesgleichen sucht. Er hat ein standardbraunes Straßenköterfell, aber als Haupthaar... stell dir blonde Dauerlocken 70er Jahre vor.... Ich hab ihn immer mit Wasser ein wenig zur Punkerdame gemacht. Lach...

Die Yoga Oase selbst ist von einem Deutschtürken gegründet worden. Eine Deutsche, die selbst dort vor etlichen Jahren Gast war, hatte sich wie viele in diese Oase verliebt und auch in den Begründer. Du willlst keine Echtnamen. Lassen wir es dabei, dass „er“ 1,75 groß ist. Ein blonder Türke, der sich jetzt auch einen Vollbart wachsen ließ. Aber sehr gestutzt. Dürfte wohl das Verdienst seiner Frau sein...
„Sie“ ist auch so um die 1,75. Sehr schlank. Gut durchtrainiert. Mittelblond. Haare mit Zöpfen zusammengeflochten.ein recht hübsches Gesicht. Falls dich das interessiert... Müsste ich ihr ein Oberteil kaufen, würde ich 75A mitbringen. Hey... Ich bin ein Mann. Ich wurde so erzogen. Ich kann da nix für... ...
Ein unglaublich feinfühliger Mensch. Kümmert sich, hilfsbereit. Immer ein Ohr offen.
Es hat Yogis und Yoginis und sie sind aus dem deutschen Sprachraum. Das Ganze ist recht spartanisch gehalten. Immerhin haben die Zimmer in Bungalows eine Klimaanlage, die meist wegen ständiger Stromausfälle nicht funzt, es gibt Strom und sogar fließend Wasser. Kein TV, Radio, etc. WLAN nur im Hauptgebäude, welches auch nur ein etwas größeres Holzgebäude darstellt.
Perfekter Rückzugsort. Wenn Touristen, dann nur türkische Touristen, die zufällig davon hörten. Zehn km entfernt ist eine bedeutende Ausgrabungsstätte namens Olympos. Kumluca ist ca. 30 - 40 km entfernt. Nach Anatlya fährt man zwei Stunden mit dem Auto.
Der Ort hat sogar kleinere Läden, die für den täglichen Bedarf etwas haben. Jeder Bahnhofskiosk in Deutschland, der Perry Romane verkauft, ist größer. Vollverhüllte türkische Frauen bis Bikini Tragende sind zu sehen. Die Menschen sind von einer unglaublichen Herzlichkeit, die uns Deutsche peinlich berührt.
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Re: Alexandras Spielplatz

Beitragvon Alexandra » 6. August 2015, 00:36

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75 A und knutschende Musen.
Anscheinend geht es dir gut.

Hm, das sind mehr Tiere als angekündigt. Und es klingt nett.
Ich sollte auch mal was Nettes schreiben...
...gleich wenn ich mit deiner Geschichte fertig bin, versuche ich das.
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Re: Alexandras Spielplatz

Beitragvon Alexandra » 9. August 2015, 11:57

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Da habe ich doch glatt den jogoschen Realitätsschock bekommen. Aber habe ich mich erholt.
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Unterbringung und Frühstück in der Pararealität


Spoiler:
Der Deutsche fühlte, dass mit dem Durchschreiten der Pforte ein Prozess in Gang gekommen war, dass er Teil eines Vorgangs geworden war, der nun unaufhaltsam zur aktiven Entspannung führen würde, wenn er genug auf ihn achtgab und die richtigen Leute beachtete, die diesen Prozess voranbringen könnten. Den Henkel des Koffers umklammernd folgte er der Frau, die mittlerweile rund geworden war und eine geblümte Schürze trug, deren Bänder in ihren üppigen Falten verschwanden. Sie verströmte Essensgeruch, und sein Hunger verstärkte sich.

Sein Magen knurrte wie ein hungriger Hund, doch offenbar störte der Laut, der die meditative Stille durchbrach, die Frau nicht, jedenfalls gab sie nicht zu erkennen, dass sie ihn bemerkt hätte Sie führte ihn in die Richtung der Bungalows, welche der Richtung, in der sich die Yogaräume befanden, vollständig entgegengesetzt war und an ihnen vorbeiführte. Im Vorübergehen betrachtete er die hohen, mit großen Fenstern versehenen Hallen erwartungsvoll und lief doch der Frau nach, an dem Ort der Verheißung vorbei, eine stetig schmaler werdende, sich verengende Treppe hinab den Berg hinunter. Die Beschränkung wunderte ihn, und er empfand Widerwillen, den er sofort bereute. Wie sollte ein derart voreingenommener, kleingeistiger Mensch wie er das Yoga lernen, wenn schon solche von der Situation erforderlich gemachten Lappalien ihn störten? Er schüttelte den Kopf, erneuerte seinen festen Griff um den Henkel und schritt zügiger aus, um mit der Frau Schritt zu halten.

Doch es war eine noch engere Gegend, in die sie ihn führte, die Bungalows kleiner und dunkler als die Übungshalle, die Klimaanlage versagend, von Stromausfällen gepeinigt und alt. Im Bungalow, in dem Joachim wohnen sollte, war nur ein Fensterflügel geöffnet, innen war es dunkel. Unten in der Mauer neben der Haustür war eine Lücke gebrochen, aus der gerade, als sich der Deutsche näherte, eine widerliche, gelbe, rauchende Flüssigkeit herausschoß, vor der sich einige Ratten flüchteten. Er sah ihnen nach. Die Frau winkte ihm zu, ihr in den Bungalow zu folgen.
„Kein Fernsehen, kein Radio, und WLAN nur im Hauptgebäude“, erklärte die Frau, während sie die Tür aufstieß. „Wie es einer aktiven Auszeit gebührt. Alles klar?“

„Natürlich. Das muss schließlich so sein“, versicherte er und stellte den Koffer ab, um sich betont interessiert im kargen Wohnraum mit Schlafnische umschauen zu können, mit anerkennender Miene, was ihr sicher gefallen würde und ebenso anderem Personal, vielleicht sogar den einen oder anderen Yogatrainer, der ihn eventuell beobachten würde, um sich gleich eine Meinung von dem Neuankömmling zu bilden. Um so vorteilshafter für ihn, wenn diese positiv ausfallen würde

„Wann gibt es Frühstück?“, erkundigte er sich. Schließlich wollte er nicht gierig wirken. Sicherlich würde man ihm einen besseren Trainer zuweisen, wenn er nicht gierig wirkte. Die dicke Frau, die nun tatsächlich einer Köchin glich, hob fünf Finger in die Höhe, was ihn beruhigte.

„Gibt es Kinder hier?“, fragte er weiter. „Und woher bekomme ich die Anweisungen für mein Yogaprogramm?“ Die Frau schüttelte den Kopf. Statt einer Antwort zückte sie einen Beutel und warf ihm eine Nuss zu. Er fing sie auf, stolz über seine Geschicklichkeit, die sie doch gewiss bemerken würde, und blickte sie unauffällig an, um sich seiner Wirkung zu vergewissern. Dann betrachtete er die Nuss auf seiner Handfläche. Es war eine Paranuss.

„In der Realität kennt kein Yogi sein Yogaprogramm, das Verfahren ist geheim und nur Eingeweihten zugänglich “, erklärte die Frau. „Das ist ganz natürlich. Das Yoga ist heilig, das Yoga steht zu hoch, um gewöhnlichen Leuten mitgeteilt zu werden. Auch die Trainer kennen dein Programm nicht. Sie sind zu gewöhnliche Leute. Sie werden dir ganz seltsam vorkommen, wenn du sie siehst, beschränkt und gewöhnlich. Aber nur durch sie kannst die die Übungen lernen. Natürlich ist ihr Einfluss auf deinen Erfolg beschränkt, da sie nicht wissen, welche der Haltungen nun die richtige ist, aber sie versuchen, dem Yoga so gut wie möglich zu entsprechen, und es heißt, dass manche von ihnen sogar das Yoga formen und unübertreffliche Lösungen kreieren.“

Der Deutsche ärgerte sich über die Gefahr, mit solch minderwertigen Leuten zu tun zu haben. Vielleicht könnte er bald bessere finden. Er entschloss sich, ihnen genau zu folgen, um auf diese Weise das Interesse eines höheren Yogalehrers zu erregen und zügig in die tiefgründigeren Ebenen der Übungen zu gelangen, die diesen gewöhnlichen Lehreren verschlossen blieben. Er legte die Paranuss auf die Fensterbank und beeilte sich mit dem Duschen und Umziehen, um die kostbare Zeit der Frau nicht unnütz zu verschwenden, indem sie auf ihn warten musste, wodurch es ihm gelang, schon nach wenigen Minuten sauber geduscht und mit einer Baumwolltrainingshose und einem langärmligen Fleeceshirt bekleidet das Bad zu verlassen. Seine dicken, mit Noppen rutschsicher gemachten Socken stopfte er sich eilig in die Hosentasche.

Währenddessen war die Frau schmaler geworden. Wieso hatte er die Haremshose vorher nicht bemerkt? Er musste über sich den Kopf schütteln. Sie streckte die Hand aus und wies ihn eine andere Treppe entlang, die zu den Hauptgebäuden führte. Selber blieb sie zurück. Aus den Augenwinkeln bemerkte der Deutsche die bärtige, dunkle Gestalt eines Mannes, der an einem der Bungalows lehnte und zu dem sie zu gehen schien. Er schüttelte den Kopf.
Voll Verachtung und doch bedauernd ging er die Treppe hoch, einige Dutzend Meter weiter.

Und da sah er es schon: Unten an der Treppe lag ein kleines Kind bäuchlings auf der Erde und weinte laut, aber man hörte es kaum infolge des alles übertönenden melodischen Summens von Klangschalen, das aus einem weißen Häuschen auf der anderen Seite des Aufgangs kam. Die Tür der Häuschens war geöffnet und drei offensichtlich deutsche Yoginis saßen im Halbkreis um die Klangschale, auf die sie reihum mit einem Hämmerchen schlugen. Als sie bemerkten, dass Joachim zusah, falteten sie die Hände, legten sie das Hämmerchen auf das rohseidene Kissen unter der Schale, standen geschmeidig auf und strichen sie sachte an ihm vorbei in die gleiche Richtung, die ihm gewiesen worden war. Eine nahm das greinende Kind auf den Arm, das ihm prompt die Zunge herausstreckte. Der Deutsche folgte.

Sie erreichten ein schönes, an der zum Meer weisenden Seite mit einer jetzt offen stehenden Schiebetür versehenes, flaches Gebäude, in dem Geschirr klapperte. Eine große Platte poliertes Weißblech, die an der Wand hing, warf ein bleiches Licht, das zwischen die Frühstückenden eindrang und die Gesichter und Yogaoutfits erhellte. Joachim hatte für alles nur einen flüchtigen Blick, er wollte möglichst rasch hier fertig werden, nur die anderen Kursteilnehmer mit ein paar Worten ausforschen und sofort wieder zur Yogahalle zurückgehen, um seinen Eifer zu zeigen und auf zurückhaltende, taktvolle Art anzudeuten, dass man schleunigst beginnen könnte. Wenn er hier nur den kleinsten Erfolg hatte, sollte das auf seinen heutigen Beginn in diesem Kurs noch eine gute Wirkung ausüben.

Um die neuen Bekanntschaften zu vertiefen, setzte Joachim sich, nachdem er sich Kräutertee und Müsli genommen hatte, zu den Frauen. Das Kind streckte ihm sofort wieder die Zunge heraus. Er lächelte die Mutter an, um einen Anlass zu finden, sie anzusprechen, damit sie ihrem Sohn sagen könnte, er solle das lassen, aber sie sah durch ihn hindurch, um das Gespräch mit ihrer Freundin fortzusetzen. „Und da hat er mich angerufen, obwohl er doch wusste, dass ich um diese Zeit meine Gurkenmaske aufliegen hatte. Er sagte natürlich, das sei ihm egal, aber ich habe ihm trotzdem gesagt, dass ich mich nicht mit ihm treffe, weil ich gemerkt habe, dass ich mich einfach nicht gehen lassen kann mit den anderthalb Kilos. Das gibt mir einfach nicht genug, und ich muss schließlich auch mal an mich denken. Und weißt du, was er gesagt hat?“ Die Freundin schüttelte den Kopf. „Also, er hat-“.

In diesem Moment durchschnitt ein markerschütternder Schrei das gedämpfte Klappern der Frühstücksbestecke. Joachim bemerkte das Kind der Freundin, einen kleinen Jungen, der links von ihr saß und mit knallrot verzerrtem Gesicht schrie, was die Lunge hergab. „Die schaut mich dauernd an“, kreischte er und wies mit dem erdnussbutterverschmierten Finger auf das Mädchen am Nebentisch.

„Halt die Fresse, du Schisser“, murmelte diese, laut genug, um gehört zu werden. Die Mutter lehnte sich über den Tisch. „Sheela, Schätzchen, könnte es sein, dass die Harmonie unserer Kinder gestört ist?“ Sheela lächelte schmelzend. „Biagina, Liebste, so bilden sie ihre Persönlichkeit aus. Ich bin so froh, dies mit dir teilen zu dürfen.“ Die Frauen standen auf und umarmten sich. Das Mädchen warf eine Nuss. Der Junge popelte Rotz aus der Nase und schoss zurück. Unwillkürlich legte Joachim eine Hand über seine Müslischale.

Die Mütter setzten sich und lächelten selig in die Runde. „Biagina, die hat mich mit Essen abgeworfen“, beschwerte sich der Kleine. „Der hat mich mit Rotz abgeworfen“, protestierte das Mädchen. Ihre Mutter griff in ihre Haare, um sie in einem wohlgeschwungenen Strang durch die Finger gleiten zu lassen. „Es ist so viel Energie zwischen euch, mein Schatz“, säuselte sie.
Das Mädchen starrte finster zum Nachbartisch.
„Die Süße, bald ist sie in der Pubertät. Ich habe schon einen Yogakurs zur Verbesserung ihrer Beckenbodenzirkulation gebucht, damit kann man ruhig schon vor der ersten Periode anfangen, habe ich mir sagen lassen.“
Das Mädchen heulte auf: „Oh Mama, du bist so peinlich!“
„Aber Schätzchen, du musst dich deines Körpers nicht schämen, auch in dieser kapitalistischen patriarchalischen Gesellschaft nicht. Deswegen habe ich mich ja von deinem Vater getrennt, um seinen zerstörerischen Einfluss auf deine Seele und deine spirituelle Präsenz zu unterbinden. Und der Glanz deiner Aura gibt mir recht, Ich kann sie in meiner Versenkung sehen. Sie ist so rein und klar wie die Wasser des Garten Eden.“ Bewundernd wickelte sie die Haare des Mädchens um ihre Finger und ließ sie in schwingendem Bogen fallen.

Das erste Kind war bis zu diesem Punkt mit dem Herausstrecken der Zunge beschäftigt gewesen. Nun zog es sie ein, wischte sich das Kinn ab, stopfte Erdbeeren in den Mund und kaute darauf herum, und die sabberige Masse auf den Tisch tropfen zu lassen. Joachim legte den Löffel neben sein Schälchen.
„Die hat uns schon gestern abgeworfen, als die Yogakatze die Maus hatte“, mischte er Erdbeerkauer sich in den Streit ein. „Die hat uns mit Innereien abgeworfen.“
„Gar nicht“, fuhr das Mädchen auf. „Du Lügner!“
„Hast du doch“, bekräftigte Sheenas Sohn.
„Hast du doch“, setzte der Erdbeerkauer nach.
„Gar nicht!“, schrie das Mädchen. „Mama, das sind solche Lügner!“
Biagina lächelte. „Das wird sich in diesem Kurs alles mit eurer Aura klären, warte nur ab und bleibe gelassen und heiter, mein Schatz.“
„Wirklich mit Innereien?“, fragte Scheena.
„Ja“, heulte ihr Sohn.
„Gar nicht“, begehrte das Mädchen auf. „Es waren Beine!“
„Aber das ist doch alles ganz natürlich, so wie dieser ganze Ort uns einlädt, uns den Rhythmen der Natür zu öffnen“, vermittelte die erste Mutter und wischte endlich die Erdbeersabber vom Tisch. Joachim atmete auf.

Der Yogalehrer, der in diesem Moment erschien, wirkte auf ihn wie ein Bote des Himmels. Die Frauen vergaßen ihren streitenden Nachwuchs und wandten sich ihm zu, mit ungeteilter Aufmerksamkeit. Sheena setzte sich um, so dass ihr Ausschnitt betont wurde.
„Ich freue mich mich, euch alle willkommen zu heißen“, begann der gut aussehende, muskulöse junge Mann ruhig und melodiös mit einem warmen Bariton, der auch dem Deutschen tief in die Seele drang. „Wir beginnen unseren Yogakurs in zehn Minuten in der großen Halle. Unsere kleinen Yogis und Yoginis werden gleich von meiner Frau abgeholt, die sie in die Grundübungen einweisen wird.“

Joachim atmete noch einmal auf. Keine lärmende Brut während der Entspannungsübungen. Dennoch, ein Rest von Besorgnis blieb. Ganz glücklich wurde er erst, als die Partnerin des Yogalehrers erschien, eine hübsche, zierliche Blondine. Hm - Körbchengröße 75A, kam er nicht umhin zu denken und schämte sich sogleich für diesen unkosmischen Gedanken. Die patriarchalische Erziehung hinterließ nun mal tiefe Schneisen der Zerstörung in seiner Aura. Von ihrem Oberteil wurde er abgelenkt, als sie die zuvor geworfene, auf dem Tisch liegende Nuss aufhob. Es war eine Paranuss, erkannte er nun. Die Blondine murmelte etwas und wischte mit der Hand durch die Luft, und schon verwandelten sich die Kinder in kleine Regenbögen, die in die Nuss strömten. Sie warf die Paranuss noch einmal in die Luft, fing sie auf und verließ den Raum.

Die Mütter lächelten erleichtert. „Das ist schon wunderbar mit der Erholung hier, nicht wahr?“ versicherten sie einander und zupften im Aufstehen an ihrer Kleidung, um den Trainer nachzueilen. Den Dreck auf den Tischen ließen sie liegen. Joachim folgte ihnen.
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