Charakteristik der Autoren

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Charakteristik der Autoren

Beitragvon cold25 » 30. Januar 2013, 22:46

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cold25
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Hi Leute!

Jeder PR Autor hat seinen eigenen Schreibstil, seine Stärken und Schwächen, seine Faibles und Eigenheiten.
Mich interessiert wie Ihr die Arbeit der PR Autoren gesehen habt und seht.

So in der Art:

Autor x war prädestiniert für diese oder jene Art von Geschichten
oder Autor Y hat die besten Charaktäre erschaffen.
die besten Kampfszenen kamen von Autor Z
die grandiosesten Ideen kamen von Autor V usw...

Vor allem interssieren mich dabei die klassischen Autoren der ersten 1000 Hefte...natürlich aber auch alle anderen Autoren!!

Ich hoffe Ihr könnt mit dem Thema was anfangen. Wäre schön wenn Ihr wieder ne Menge Antworten parat habt.
just READING:

908 William Voltz - Aura des Friedens

Re: Charakteristik der Autoren

Beitragvon Alexandra » 4. Februar 2013, 03:21

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Alexandra
Kosmokrat
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Zu den stilistischen Eigenheiten habe ich schon ziemlich viel, da ich rein als Hobby unseren werten Lks-Onkel mit meinen jeweiligen Erkenntnissen bombardiere. Ich müsste das aber bisschen umarbeiten und noch mal sichten. Ich wollte aber mal schnell was schreiben, damit dein Thread nicht so allein in der Gegend rumsteht.
Also in aller Kürze einige Anregungen:
- Uwe Anton vergibt bei personaler Erzählweise Informationen über Sehen, Hören und Denken der Protagonisten, während Ellmer alle Sinneskanäle plus Denken plus Erinnerung verwendet.
- Ellmer baut grundsätzlich Kreisstrukturen im Setting, auch die Protagonisten kreisen umeinander. Anscheinend hört er, was er schreibt, weil er Textbindung über Klangbilder in hoher Komplexität anwendet. Viele Relativsätze, die erklären, fast nie Fragewörter in Nebensätzen. Vergleiche aus dem Alltag, freundlicher Humor im Sinne des Wortes ("humores" aus der Säftelehre/ Galenus, Persönlichkeitstypen).
- Vandemaan hingegen liebt Finalsätze und Fragewörter, lässt auch gern mal 'nen Faden mehr offen.
- Themsen entwickelt als einzige Gegenstände, die funktionieren, die Männer schwelgen in Daten oder nehmen Technik als Trittbrett für farbenprächtige, auch surreale (Vandemaan) Phantasiebilder.
- Bei Lukas geht alles über den Intellekt - Beobachten, Kommentieren, Überlegen. Hervorragende Anfangsszenen, die aber nicht lange tragen.
- Thurner traut sich als einziger in den Bereich des wirklich Bösen.
Montillion geht eher ins Eklige (z.B. Kaowens Auge) - wenn er überhaupt richtig beschreibt, statt nur zu erzählen. Er kann das schon, ziemlich gut sogar, tut es aber nur bei einem gewissen Prozentsatz seiner Massenproduktion. Ansonste zu viel Action für meinen Geschmack, zu wenig Pausen darin für Identifikation oder Phantasie als Grundlage für innere Beteiligung meinerseits. Bei diesen Romanen schreibt er recht einfach, jeder erzählt, wie es ihm geht, und den Rest der Zeit rennt alles durcheinander.
- Thurner und Herren schreiben schöne, farbenprächtige Phantasiebilder
- Haensel verwendet gern Gegensätze zur Strukturierung, beschreibt fast als einziger fiktionale Kunstwerke und neigt zur Beschreibung von Körperlichkeit in der Form, dass diese sich verselbstständigt und zur Entgrenzung führt.
- Herren hat den höchsten Fremdwortanteil. In letzter Zeit scheint er das jedoch runterzufahren, scheint auch einfachere Geschichten ausführlicher zu erzählen.

Leider kapiere ich das mit den Spoilerfeldern nicht, sonst würde ich das für mehr Text verwenden. Vielleicht im nächsten Beitrag

Re: Charakteristik der Autoren

Beitragvon cold25 » 4. Februar 2013, 19:06

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cold25
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toller Beitrag! :st:
Kannst Du (oder auch alle Anderen) auch was in dem Stil zu den klassischen Autoren sagen?
just READING:

908 William Voltz - Aura des Friedens

Re: Charakteristik der Autoren

Beitragvon Honor_Harrington » 4. Februar 2013, 21:41

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Honor_Harrington
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Alexandra hat geschrieben:Zu den stilistischen Eigenheiten habe ich schon ziemlich viel, da ich rein als Hobby unseren werten Lks-Onkel mit meinen jeweiligen Erkenntnissen bombardiere. Ich müsste das aber bisschen umarbeiten und noch mal sichten. Ich wollte aber mal schnell was schreiben, damit dein Thread nicht so allein in der Gegend rumsteht.
Also in aller Kürze einige Anregungen:
- Uwe Anton vergibt bei personaler Erzählweise Informationen über Sehen, Hören und Denken der Protagonisten, während Ellmer alle Sinneskanäle plus Denken plus Erinnerung verwendet.
- Ellmer baut grundsätzlich Kreisstrukturen im Setting, auch die Protagonisten kreisen umeinander. Anscheinend hört er, was er schreibt, weil er Textbindung über Klangbilder in hoher Komplexität anwendet. Viele Relativsätze, die erklären, fast nie Fragewörter in Nebensätzen. Vergleiche aus dem Alltag, freundlicher Humor im Sinne des Wortes ("humores" aus der Säftelehre/ Galenus, Persönlichkeitstypen).
- Vandemaan hingegen liebt Finalsätze und Fragewörter, lässt auch gern mal 'nen Faden mehr offen.
- Themsen entwickelt als einzige Gegenstände, die funktionieren, die Männer schwelgen in Daten oder nehmen Technik als Trittbrett für farbenprächtige, auch surreale (Vandemaan) Phantasiebilder.
- Bei Lukas geht alles über den Intellekt - Beobachten, Kommentieren, Überlegen. Hervorragende Anfangsszenen, die aber nicht lange tragen.
- Thurner traut sich als einziger in den Bereich des wirklich Bösen.
Montillion geht eher ins Eklige (z.B. Kaowens Auge) - wenn er überhaupt richtig beschreibt, statt nur zu erzählen. Er kann das schon, ziemlich gut sogar, tut es aber nur bei einem gewissen Prozentsatz seiner Massenproduktion. Ansonste zu viel Action für meinen Geschmack, zu wenig Pausen darin für Identifikation oder Phantasie als Grundlage für innere Beteiligung meinerseits. Bei diesen Romanen schreibt er recht einfach, jeder erzählt, wie es ihm geht, und den Rest der Zeit rennt alles durcheinander.
- Thurner und Herren schreiben schöne, farbenprächtige Phantasiebilder
- Haensel verwendet gern Gegensätze zur Strukturierung, beschreibt fast als einziger fiktionale Kunstwerke und neigt zur Beschreibung von Körperlichkeit in der Form, dass diese sich verselbstständigt und zur Entgrenzung führt.
- Herren hat den höchsten Fremdwortanteil. In letzter Zeit scheint er das jedoch runterzufahren, scheint auch einfachere Geschichten ausführlicher zu erzählen.


Hübsch. :st:
Hätte ich ja gerne noch etwas ausführlicher...
Was meinst du mit "Kreisstrukturen im setting"?

Re: Charakteristik der Autoren

Beitragvon Sokrat » 4. Februar 2013, 21:47

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Sokrat
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cold25 hat geschrieben:toller Beitrag! :st:
Kannst Du (oder auch alle Anderen) auch was in dem Stil zu den klassischen Autoren sagen?

Da schließe ich mich an. Toller Beitrag
Ich weiß das ich nichts weiß, aber ich suche die Wahrheit
Wer nicht lehrt, lebt verkehrt
Freu Dich wenns regnet, denn regnen tut es sowieso, da kannst Du dich auch darüber freuen
Ich leide nicht unter Realitätsverlust, ich genieße ihn

Re: Charakteristik der Autoren

Beitragvon Early Bird » 4. Februar 2013, 22:18

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Early Bird
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Honor_Harrington hat geschrieben:
Alexandra hat geschrieben:Zu den stilistischen [......] Geschichten ausführlicher zu erzählen.
Hübsch. :st:
Hätte ich ja gerne noch etwas ausführlicher...
Was meinst du mit "Kreisstrukturen im setting"?
Weil das Vollquoting so etwas von lästig und vor Allem unnötig ist... B-)

Ja, die bereits vorhandene Beschreibung der Autoren ist recht interessant. :st:

Das mit der "Kreisstrukturen im setting" interessiert mich auch.
Und eine Erweiterung um die "klassischen" Autoren wäre auch toll.
:)
Die Wahrscheinlichkeit verstanden zu werden, ist oft genug und aus allen möglichen Gründen gering.
Deshalb bin ich zwar für meine Texte verantwortlich, nicht jedoch für vermutete Absichten und Ansichten.
Kursiv soll meist auf irgend etwas mit Hümör hinweisen. Doppeltkursive Schrift gäbe noch mehr Möglichkeiten.

Lebe, als würde die Welt morgen untergehen. Lerne, als wenn du ewig lebst.

Re: Charakteristik der Autoren

Beitragvon Slartibartfast » 5. Februar 2013, 01:15

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Slartibartfast
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Alexandra hat geschrieben:Leider kapiere ich das mit den Spoilerfeldern nicht, sonst würde ich das für mehr Text verwenden. Vielleicht im nächsten Beitrag

Setze einfach den gewünschten Text zwischen die beiden Formatierungsbefehle [ SPOILER] hier Text einfügen [ /SPOILER] (ohne die Leerzeichen in den eckigen Klammern, Schrägstrich beim zweiten Befehl nicht vergessen). :)

Das sieht dann ohne Leerzeichen so aus:
Spoiler:
hier Text einfügen

Re: Charakteristik der Autoren

Beitragvon Meiner Einer » 5. Februar 2013, 10:27

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Meiner Einer
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Slartibartfast hat geschrieben:
Alexandra hat geschrieben:Leider kapiere ich das mit den Spoilerfeldern nicht, sonst würde ich das für mehr Text verwenden. Vielleicht im nächsten Beitrag

Setze einfach den gewünschten Text zwischen die beiden Formatierungsbefehle [ SPOILER] hier Text einfügen [ /SPOILER] (ohne die Leerzeichen in den eckigen Klammern, Schrägstrich beim zweiten Befehl nicht vergessen). :)

Das sieht dann ohne Leerzeichen so aus:
Spoiler:
hier Text einfügen

Oder:

Schreibe alles, markiere was als Spoiler zu lesen sein soll und dann den SPOILER- Button anklicken. Voilà, fertig. :)

Re: Charakteristik der Autoren

Beitragvon overhead » 5. Februar 2013, 16:30

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overhead
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Auch ich schließe mich an - ganz toller Beitrag ! :st:

So genau habe ich mir die Autoren noch nie angesehen................... :o(

Gruß overhead

Re: Charakteristik der Autoren

Beitragvon Alexandra » 5. Februar 2013, 20:41

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Alexandra
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Danke für die Blumen. Ein freundlicher Mensch hat mir, worüber wir schon lange geredet hatten, einen Ableger seiner Website gegeben, da stelle ich am Wochenende mehr ein und schicke den Link. Bzw. er stellt mir das Zeug ein.

Hier ein Auszug aus einer längeren Analyse mehrere Romane Ellmers, er hat aber beeindruckende Aaleigenschaften entwickelt dabei, den Text nicht zu lesen (sehr charmant natürlich), und da ich so meine paar Beschäftigungen habe, bin ich mit dem Riesending auch nicht fertig. Was soll's.
So, wnn ich das alles richtig kapiert habe, müsste für euch jetzt ein Spoiler auftauchen mit Text drin, und zwar fokussierend auf Kreisstruktur im Aufbau von Setting und Personenkonfiguration:


Spoiler:
Mit „Todesfalle Sektor Null“ (2624) finden wir eine weitere Panoramadarstellung vor in einer außergewöhnlich komplexen Erzählstruktur, die wirklich viele Personen einbindet, und die mit hohem Tempo abläuft. Hier kann man durchaus von Montagetechnik sprechen, die Szenen stehen anfangs schlaglichtartig nebeneinander, werden dann aber über die Informationsinhalte und durch das Zusammentreffen der Protagonisten immer mehr zusammengeführt.
Der Roman spielt auf drei Hauptschauplätzen, um die herum sich die Erlebnisse der Protagonisten abspielen. Sie dienen insofern der Fokussierung, als sie die Vielzahl an Einzelerlebnissen locker zusammenbinden.
Dreht sich im vorherigen Roman alles um Sol, so liegen hier drei Mittelpunkte von Kreiskonstellationen vor, in denen sich je eine Verschiebung abspielt: Da ist einerseits die Zone Null mit Raumschiffender vom Exil überraschten Heimatflotte und der Flotte Bostichs drumherum, in die die GEMINI eindringt und am Schluss gerettet wird – ihre Isolation bis dahin spiegelt Bukos inneren Raum im Nirgendwo. Zweitens ist da der Planet Aurora, auf dem vor und während der Versammlung des Galaktikums umfangreiche Aktivitäten entstehen, bei denen es um eine Verschiebung des Fokuses auf fiktionaler Ebene geht: Die Machtfülle des Solsystems muss auf einen neuen Ort übertragen werden – parallel zum Eindringen der GEMINI, der JULES VERNE und des Hypersturms in den Sektor Null, der so leer ist, dass nicht einmal die physikalischen Gesetze in ihm gelten. Der dritte Ort ist die JULES VERNE in der Charon-Wolke, die später den Sektor Null anfliegt. Hier haben wir noch einmal das Motiv des Übertragens und Verschiebens, da der greise und übellaunige Fährmann Charon die Verstorbenen über den Fluss des Vergessens – Lethe oder Styx genannt - in seinem Kahn in die Unterwelt bringt.
Analog zum Ground Zero in New York – eine Konstellation mit hohem Wiedererkennungswert - ist im Perryversum die Zone Null entstanden, wo das entführte Solsystem war. Hierbei handelt es sich über die bloße Abwesenheit größerer Himmelskörper hinaus um das absolute Nichts, da sogar die herkömmlichen Naturgesetze hier nicht gelten. Eine interessante Gelegenheit, zu durchdenken, was in einem absoluten Nichts alles fehlt.
Auf Hyperebene jedoch tobt ein alles vernichtender Sturm. Das Gefahrengebiet ist emotional zwiespältig belegt, viel versprechend wie furchteinflößend, da in ihm das Solsystem wieder auftauchen könnte, wodurch es aber vernichtet würde. Deshalb riegeln 5000 Schiffe der mobilen terranischen Einsatzflotte den Sektor ab. 50.000 weitere Einheiten werden im näheren Umfeld zusammengezogen – eine leicht fassliche Zahlenreihe. Bostich, der in der zweiten Hälfte des Romans zunehmend aktiver wird, stellt weitere 20.000 Schiffe der vereinten Galaktischen Flotte bereit.
Der Leser erlebt die Settings in der üblichen intensiven personalen Erzählsituation via diverse Reflektorfiguren mit verschiedenen Interessen. Ihre Interessenkonflikte werden dabei noch mitbeleuchtet. Auch dieser Roman beginnt mit einem Orter, diesmal dem Rumaler Wahna Porant, der seine Beobachtungen reflektiert und das Verschwinden des Solsystems Revue passieren lässt. Die Zentrale der GEMINI wird durch seine Augen ebenso anschaulich beschrieben wie der unübersichtliche Raum außerhalb des Schiffes. Bekannte Struktur, aber für die neue Situation eigenständig ausgearbeitet. Denn wir befinden uns am Rande der Zone Null, und der Orter ist diesmal eine der Hauptpersonen des Romans, Cheforter der GEMINI, der mit seiner Fehleinschätzung die Katastrophe beraufbeschwor und deshalb in der Folge alles tun wird, um die Überlebenden zu retten.
Es folgt ein Schauplatzwechsel innerhalb des ersten Setting: Die zweite Reflektorfigur ist Claude Laudrin, Admiral der heimatlosen Heimatflotte rund um die Zone Null, der sich ausgiebig über die physikalischen und strategischen Gegebenheiten des Ortes unterhält, wodurch wir Leser diese Informationsmassen in der seit Sokrates beliebten Lehrform des Dialogs mitbekommen. Laudrin trifft die Entscheidung, Porants Anregung aufzugreifen und fünf Schiffe in die Katastrophenzone zu schicken, was die Handlung in Gang setzt.
Der dritte Abschnitt beginnt am zweiten Handlungsort, dem Planeten Aurora, in Bostichs Raumschiff, das diesen umkreist, und zwar am Tag der Vollversammlung des Galaktikums anlässlich des Verschwindens des Solsystems. Der Leser erlebt hier zunächst den wortlos hin- und herlaufenden Bostich. Konnte der Leser in 2616 durch Bernidettes Verliebtheit eine Identifikation mit der Handlung aufbauen, so wird Bostich durch seine Bewegung eingeführt, beobachtet von seinem Berater Tormanac, der wenige Bände später eine Hauptrolle erhalten wird. Durch die einfache Beschreibung wird er allgemein fassbar gemacht, dann erst exakt beschrieben. Als nächstes wechselt die Perspektive, der Leser sieht durch seine Augen, wodurch wir Setting und Situation kennen lernen. Auch hier kommen zum Erschlagen viele Informationen über arkonidische Politik, da Bostichs politische Funktionen sich verschieben können und die Rolle der nationalistischen Ark'Tussan geklärt werden muss, was in wirklich ermüdende Selbstdarstellung des zentralen Strategen ausarten könnte, wäre die Abhandlung nicht durch Bostichs aktive Persönlichkeit belebt. Hier lässt sich viel Material für die These „Dramatisierung durch Verschulden“ sammeln.
Ebenfalls auf Aurora, aber bei Bostichs Gegner, lernen wir durch die Grübeleien des Lakritzschnecken kauenden Jigözy und seines Sekretär Meier ein Machtgefüge kennen, das Bostichs Strategie als problematisch empfinden wird. Zwei bemerkenswerte Namen, da Jigözy sich erst mal nach einem Jülziish anhört, aber ein Mensch ist, und Meier, weil 1469 NGZ derartige Namen ausgestorben zu sein scheinen.
Dem folgt eine Szene mit Bostich und Monkey, mit Claudrins Besprechung assoziiert durch eine Nebenfigur, den besorgten Swoon-Masseur, da in der Besprechung über den aufdringlichen Swoon-Reporter Dschingiz Brettzeck diskutiert worden war (vgl. S.15). Der Oxtorner informiert den Arkoniden darüber, dass seit August über 800 Schiffe verschiedener Völker im Ordhogan-Nebel verschwunden sind, was Bostich in Zusammenhang mit der Entführung des Solsystems sieht und deshalb die gesamte Milchstraße für gefährdet hält. Monkey, der den ehemaligen Titel Atlans trägt, ruft bei Bostich über die dauernd klickende „Brennweitenverstellung seiner Augenhülsen“ (S.23) erhebliches Unbehagen hervor, was die Vermittlung der wichtigen Informationen zusätzlich dramatisiert. Der mitschwingende Machtkampf stellt sich in einfachen Gesten dar: „Monkey verabschiedete sich, und als sein großer, massiger Schatten von dem Arkoniden wich, sank Bostich in den Sessel, in dem er bei Audienzen gewöhnlich Platz nahm“ (S.23).
Zurück zum Sektor Null: Bei der Rückkehr an den ersten Mittelpunkt befinden wir uns jetzt noch weit vor der Hälfte des Romans, aber schon im sechsten Handlungsabschnitt, und sind wieder bei Wahna Porant, der sich jetzt inmitten der sich ereignenden Katastrophe befindet. Die GEMINI ist von einem kleinen Tryortan-Schlund zerschnitten worden (vgl. S.25), alles ist kaputt und die Überlebenden tun ihr Bestes.
Inmitten von Katastrophenbildern, Zerstörung, Schwerverletzten und armabschneidenden Phantomen tut sich eine mögliche „Spur zum Solsystem“ (S.28) auf. Denn inmitten all der Zerstörung, in der sie das rettende Hyperkom zu finden suchen, bemerkt Porant eingedrungene Fremdwesen und ist nun überzeugt, dass hier ein Übergang zum verschwundenen Solsystem gefunden werden kann.
Die Handlung bleibt so temporeich, dass sich über elf Seiten ein Schreckensbild an das andere reiht, während die Protagonisten im zerstörten Schiff herumirren. Jedoch bleibt die Hauptperson, wie immer bei Ellmer, gegen Ende nicht allein: Er findet nicht nur seine sccheinbar verunglückte Begleiterin wieder, bei deren Rettung er sein Leben riskierte, sondern auch Computerhilfe: Die Mikropositronik „geleitete ihn endgültig hinaus“, und ein „Hinweis an der Schachtwand“ (S.34) weist ihm den Weg zum rettenden Hyperfunkgerät. Normalität inmitten der Katastrophe.
In der Sitzung des Galaktikums auf Aurora: Der Weg zum Ammandul-Saal des Galaktikums ist ähnlich labyrinthisch beschrieben ist wie vorher die zerstörte GEMINI. Und das Prinzip der sich nach Stimmung und Schallwellen bewegenden Oberfläche werden wir in 2655 auf der Haut des Unithers Kormpf wieder finden.
Die dritte und vierte Reflektorfigur, Jigözy und Bostich, kommen hier in einem Raum zusammen. zusammen, stehen aber auf verschiedenen Seiten. LFT-Außenminister Galjo Kajat, der kommissarisch die Aufgaben des Regierungschefs übernommen hat, gesellt sich zu Jigözy, beide beobachten Bostichs Machenschaften. Bostich hat eine eventuelle Evakuierung des Arkon-Systems vorbereitet und beantragt vor dem Galaktikum die Ausrufung der höchsten militärischen Gefährdungsstufe, was ihm den Befehl über die JULES VERNE einbringen würde. Kajat und Jigözy hingegen wollen, dass die JULES VERNE den Sektor Null untersucht, und immerhin befindet sie sich Ende des Romans auch dort, aber Bostich hat sie fest in den Krallen.
Ma'tam Narvan tan Ra-Osar, der akonische Rat, unterstützt die Terraner. Eine neue Nebenfigur, der Akone Artan Eltan – dessen Name mich enorm an den Autor erinnert – greift als Sprecher in einer Diskussion ein. Dann tritt Monkey ans Rednerpult, und nun eröffnet sich über die Wiederholung der Auftritte schon ein riesengroßer leerer Platz für Bostich, dessen Aktivität Jigözy und Kajat auch explizit erwarten: Sie befürchten, „dass sie Bostich in die Hände spielten“ (S.39).
Hier wechselt der Schauplatz zum Objekt von Bostichs Begierde, der JULES VERNE, Die konstrastierende Personenkonfiguration bilden hier der gutmütige, humorvolle Kommandant Tristan Kasom und der moralisch problematische akonische Wissenschaftler Zefalon Hadron, genannt „die Ratte“ (S.39). Ihre unterschiedlichen Vorgehensweisen beim Umgang mit dem Trafitron spiegeln ihre Lebenseinstellung. Kasom witzelt dabei über ethisch-moralische Qualitäten, während Hadron, auf den das Gerät nicht reagiert, bitterernst die Intelligenz als ausschlaggebend ansieht. Kasom schlägt versöhnlich eine dritte Lösungsmöglichkeit vor: „Außerdem duldet es keine Eigenmächtigkeiten“ (S.41). Dadurch bleibt dem Leser eine moralisch wertende Maschine erspart, zugleich kommt aber der Unterschied zwischen respektvoller und respektloser Vorgehensweise zur Sprache.
Ein kleine Geschichte in der Geschichte bildet der Dialog des kritischen, aber verständnisvollen Kasom mit einem der Charonii, die den mürrischen, unbeliebten Hadron möglichst freundlich grüßen wollen mit „Dich soll der Teufel holen“, was ihnen ein angeblicher Spaßvogel, der Hadon eins auswischen möchte, als freundliche Begrüßung beigebracht hatte. Woraufhin sich jener herrlich unaufgeregte Dialog entspinnt, der das Konfliktpotential wirksamer entfernt als jede Aufarbeitung: „‚Der beliebteste Gruß unter den Akonen.’ Ardoar strahlte. ‚Ich weiß nicht recht’, sagte Kasom. ‚Ich würde ihn nicht benutzen.’ ‚Wenn du meinst’“ (S.43).
Sobald die Charonii arbeiten, kehren wir ein drittes Mal zu Wahna Porant zurück, der sich weiterhin mit seiner wiedergefundenen Stellvertreterin Sibana durch den Alptraum eines zerstörten Schiffes bewegt, mit schwebenden Blutstropfen und allem Drum und Dran, Funkkontakt kommt als retardierendes Moment, bis noch mal mehr explodiert.
Und wieder sind wir bei Jigözy, der eine chronologisch geordnete Zusammenfassung der Ereignisse hört und auf die Publikumslieblinge Pral und Sichu Dorksteiger trifft. Dann geht es mit der Sitzung weiter. Die große Ansprache zugunsten der Terraner hält, spiegelbildlich zu Hadron, der Akone Narvan tan Ra-Osar, der die Heimatlosigkeit, die Hadrans Verbitterung hervorrief (vgl. S.42) ins Positive wendet. Worauf Bostich, schwebend mit weißer Uniform, seinen großen Auftritt hat und in einem Coup die Macht an sich reißt, was heißt, dass er sich so überzeugend darstellt, dass er gewählt wird. (vgl. S.52) Er ruft den Ausnahmezustand aus und verhängt das Kriegsrecht über die Milchstraße, denn er geht von einem Angriff auf alle Völker der Galaxis aus, zumal inzwischen feststeht, dass die Unbekannten das Polyport-Netz für ihre eigenen Zwecke missbrauchen können. Nach Lage der Dinge können die Räte ihre Zustimmung nicht verweigern, denn Recht hat er, faktisch jedenfalls.
Seine Coup zur Machtergreifung spiegelt das Verhalten das echter Politiker, die ja auch gewählt wurden, bleibt aber spielerisch, da das Peryversum gewisse Abgründe nicht zulässt, wofür wir es lieben. Davon abgesehen ist Bostich nicht dumm, er sieht eine real existierende Gefahr und handelt unterm Strich ebenso zum Wohle aller wie für das eigene.
Dann kehren wir ein viertes Mal zurück zu Wahna Porant, der gemeinsam mit Sibana die 14 Stunden bis zur angekündigten Rettung durchhalten muss. Als sie erst mal von anderen Überlebenden aus der individuellen Klemme gerettet werden, kommt ein starkes menschliches Moment inmitten allgemeiner Zerstörung: Die Kommandantin van Doberen verzichtet bewusst darauf, Porant für seinen Fehler zu bestrafen, und setzt so den Mechanismen Zivilcourage entgegen, der Mensch behauptet sich durch innere Stärke über die Umstände. Erneut finden wir hier das Thema des verantwortungsvollen Individualismus.
Am 10. Oktober treibt die Zentralkugel der GEMINI hilflos durch den Sektor Null. Und im 10. Kapitel trifft dann die JULES VERNE ein und rettet die Überlebenden. In der letzten Szene trifft Bostich mit Flotte ein und macht seinen Machtanspruch geltend.
Wir haben also, fokussiert auf zwei Orte, neben einer Unmenge an Datenmaterial physikalischer und galaktopolitischer Natur und einer detailreich dargestellten Katastrophe dreizehn Handlungsabschnitte mit einer Vielzahl von jeweils als Persönlichkeiten aufgebauten Protagonisten, die wiederholt und im Verlauf des Romans zusammengeführt werden.
Geometrisch beziehen sich Nebenschauplätze auf Hauptschauplätze, um schließlich mit ihnen zusammenzufallen, so wie auch die einzeln eingeführten Hauptpersonen einander treffen und immer stärker interagieren. Es ist wirklich erstaunlich, wie derart viel Material auf knapp 60 Seiten untergebracht wurde.

Re: Charakteristik der Autoren

Beitragvon Honor_Harrington » 5. Februar 2013, 21:19

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Honor_Harrington
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Wow - eine beeindruckende Text-Analyse.
Muss ich nochmal in Ruhe lesen.
Das Problem dabei ist, dass ich den Originaltext selber nicht gelesen haben, um das jetzt abzugleichen.
Trotzdem - interessant. :st:

Re: Charakteristik der Autoren

Beitragvon Alexandra » 5. Februar 2013, 23:10

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Alexandra
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Hier ist noch ein Text zu Haensel, der erste, den ich zu den Autoren geschrieben habe - bin ja Wiedereinsteiger und muss ca. 25 Jahre aufarbeiten. Und der Neuroversumzyklus stellt einen schon vor gewisse Herausforderungen.
Dieser Test ist aber eher Essay als Analyse.

Spoiler:
Hubert Haensel- eine Analyse

Zufällig zeitgleich mit der Lektüre von PR 2653 und 2654, in welchen einmal mehr das ergiebige Motiv der diesmal weißhaarigen und rotäugigen drei Nornen, Hexen, weisen Frauen, bekannt aus „Macbeth“, verarbeitet ist, suchte ich aus beruflichen Gründen nach Material über den Effekt der original pronunciation bei Shakespeare. Während in der standardisierten received pronunciation all die hohen Gedanken zum Ausdruck kommen, erscheinen mit der ursprünglichen Aussprache – flachere Vokale, hörbares r, Gleichklang von hour und whore – zusätzlich jene Wortspiele, die als Doppelbedeutung mitliefen und Shakespeare, der die Verklammerung beider Ebenen beherrschte, zum Erfolgsautor auch der einfachen Stände machte, die ja ihre Eier und Tomaten von vornherein ins Theater mitbrachten.
Sowohl derartig unfeine Witze wie auch das Interesse des breiten Publikums ging dem modernen Theater verloren. Durch den Vergleich der Theatersituationen fiel mir auf, dass in Haensels Text eine vergleichbare Zweiteilung vorherrscht, jedoch wechseln sich bei ihm die Ebenen ab.
Dies ist nicht mehr als symptomatisch für ein verbreitetes Denkmuster unserer Kultur: Auf der Basis einer christlich-platonisch angenommener Dichotomie von Geist und Körper und erst recht seit der Aufklärung mit ihrer Verbannung des Hanswurst, also zeitlich nach Shakespeare, teilen wir ein in gute ideenbezogene Literatur und schlechte körperorientierte Unterhaltung, welche zu trennen sind.
Dass im Gegenzug seit Mitte des 20. Jahrhunderts die möglichst ungehemmte Darstellung von Launen und Körperlichkeit als permanenter Tabubruch gefeiert wird, zeigt einen dramatischen Umschwung, aber auf Kosten der Ideen, die in der Regel nicht mit dem Körperlichen verbunden, sondern einfach gestrichen werden. Im körperlosen Kontakt der Netzwerke, in der zu oft sprechdurchfallartig die jeweilige Befindlichkeit ohne Gedanke an Sinn und Konsequenz ausgelebt wird, da echte – physische, soziale – Konsequenzen lange ausgeklammert bleiben, gewinnt sie weitere Aktualität.
Angezogen von den drei weisen Arkonidinnen und Cragons Fingernägeln erwachte in mir der Wunsch, die Romane „Testflug“ (TB 395), „Tariga sehen und sterben“(Planetenroman 18), „Arkonidische Intrigen (2653) und „Zeichen der Zeit“ (2654) – unter Rückgriff auf andere Romane des aktuellen Zyklus - auf die spezifische Gestaltungselemente vor allem bezüglich der Körperlichkeit zu untersuchen, die mir neben dem hohen Anteil an geographischen Vokabular in diesen drei Geschichten, die durch die schwache Einbindung in die Hauptserie dem Autor mehr Gelegenheit zur individuellen Gestaltung geben, besonders auffällt.
Beginnen wir mit dem „Testflug“. Hier finden sich die Protagonisten unverschuldet in einer absolut fremden, unversöhnlich feindseligen Umgebung wieder, Retter Gucky ist auf ein automatisch abgespultes Holo reduziert, und zu alledem werden sie befallen von übermächtigen Bakterien, welche die Erkrankten entstellen zu „unförmigen Kreaturen“ (S.149). Diese finden jedoch in dem von außen entsetzlich anzusehenden Prozess neue Lebensmöglichkeiten, weil sie sich jetzt ohne Atmen im Vakuum bewegen können, was sie immer mehr als Entwicklung jenseits aller Erwartungen begreifen. Aufschlussreich, wie die Hauptperson im Vorgang ihrer Befreiung von den Begrenzungen des an eine Biosphäre gebundenen Lebens reflektiert, dass „Gefühle zu zeigen […] lange Zeit verpönt gewesen (war), aber das interessierte ihn jetzt nicht mehr“ (S.155).
[Vor diesem Hintergrund verstehe ich jetzt deine Bemerkung zu meinem Leserbrief in 2652. Jedoch: Von Pfannkuchenteig würde ich persönlich nicht so viel erwarten, aber wer weiß, mit etwa mehr Offenheit… (das meine ich jetzt aber echt als Witz!!) Diesen Teil bitte nach Lektüre löschen!
„Tariga sehen und sterben“ beginnt mit einer Netzrealität heute noch unfassbaren Ausmaßes – wobei wir schon paar Kunden für so was kennen würden. Auch hier ein mehr als vertrautes Motiv: erschlichene Nähe durch falsche Identität im Netz, verknüpft mit dem Interessengegensatz zwischen Jugend und Alter. Erneut eine absolut feindliche Umgebung, diesmal umgestülpt, deshalb getarnt. Die durch „Morphing“ bewusst zum Paradies geformte Natur bricht auf, als die echte Natur sich durchsetzt, ausgelöst durch Leichen im Keller, verwesende Körper von Wesen, die „wunderschön gewesen sein“ (S.53) müssen. Ihre Fäulnisgase zerstören die Illusion und führen so in der Katastophe zur Reinigung, denn als die Heldin die Wahrheit erkennt, hat sie „ihren Körper verlassen, […] sah ihn durch den Dunst gleiten“ und erlebt „ein Gefühl von Losgelöstheit, (das) sie oft im virtuellen Netz zu finden versucht (hatte)“ (S.150). Nach der Zerstörung illusionärer Zweisamkeit wird die echte Gemeinschaft von echter „Trauer“ (S.157) begleitet, überleitend zum bemerkenswerten Schlusssatz „War das Ende nicht zugleich die Chance auf einen neuen Anfang? Wann und wo auch immer? (S.158). Die rhetorischen Fragen binden den Leser in die neue Gemeinschaft der Aufbrechenden ein.
In der Körperlichkeit des Cregon/ Shallowain erleben wir den Prototyp einer Große-Jungs-Phantasie: Dem Tod entsprungen, mit verbergbarem Gesicht und automatisierten Augen, hinter deren technikerfüllter Weißé der aufmerksame Schüler doch den Spiegel der Seele erahnt, und dann noch die implantierten Krallenfingernägel! Cool! Hier konnte ich nicht umhin, ergänzende Infos zu arkonidischen Sanitäranlagen zu vermissen: Kommt da von unten ein Sprühstoß mit eigenständig aktiven Nanosubstanzen, oder wie machen die das? Denn mit der guten alten Papiermethode wäre das doch ein recht hohes Risiko…
Der Schüler-Lehrer-Handlungsstrang ist nun schon wirklich sehr oft verwendet und langweilte mich anfangs ebenso wir Tormanacs Luxuskonflikte. Natürlich ist das Versagen gegenüber der Familientradition tragisch, weil er ja alles richtig gemacht hat, beglaubigtermaßen richtig gut ist in allen Vorraussetzungen und trotzdem nicht in den engeren Zirkel der Extrasinnträger zugelassen wird, natürlich kann man sich damit identifizieren, wie er im Kreise der richtig Qualifizierten darum kämpft, trotz eines persönlichen Mankos bestehen zu können, aber sein Schicksal fesselte mich trotzdem nicht, da er ja wirklich sehr passiv ist und sich, von ein wenig Trotzen abgesehen, regelmäßig von Autorität zu Situation schieben lässt. Das Gegenthema selbstgewählter Loyalität, durch Mentor und Partner ins Spiel gebracht, berührte ´mich dann eher.
Thormanac lebt ein von Ehrgeiz und dem ständigen Kampf gegen das Defizit erfülltes Leben, doch was daran die Ankündigung, seine Erinnerungen schmeckten „bitter wie Galle“ (2652, S.63) erfüllen sollte, blieb mir doch verborgen, da ich Leiden auf derart hoher Ebene nicht wirklich mitempfinden kann. Für mich ist das eher beleidigtes Ego als Tragik. Aber dann fiel mir bei seiner ersten Begegnung mit Ghusduul auf, wie sehr dessen aufmerksames Runterbeugen (2654, S.14) von den anderen Interaktionen im Roman absticht, und dann, wie die Wahrnehmung von Ghusduuls physischer Präsenz ihn sofort als potentiellen Gegner erscheinen lässt, denn „Tormanac taxierte (ihn) abschätzend“ (2654, S.55).
Nach dem gleichen Prinzip wird im ganzen Rest des Romans abgeschätzt, Kampftechnik gemessen, gekratzt und geschlagen, und der Abstand zum Vater, der ihn nicht voll akzeptiert, und zu freundlich lächelnden Gegnern und herausfordernden, konfrontierenden Freunden abgeschätzt. Sobald ich dies verstanden hatte, konnte ich auch nachvollziehen, dass Tormanac da wirklich was zu verdrängen hat.
Im Erzählrahmen findet sich die unangenehm in seinen Körper eindringende gallertartige Flüssigkeit, erlebt zuerst als „sengende Hitze“ (2653, S.4) der Erinnerung, dann als „ölige, schleimige Flüssigkeit“, die ihn „ekelt“ (2654, S.52f) und den Erinnerungsschub, in dem es ausschließlich um die seine Persönlichkeit formenden Erlebnisse geht, als „fürchterliche Kälte“, in der ihn „friert“ (2654, S.53), abschließt – erneut aufeinander bezogene Gegensätze.
Auch hier wieder eine eindringliche Schlusssequenz , die mit Er/ Er/ Er/ Es gleichgeschalteten Satzanfänge lassen sein subjektives Empfindung des psychischen Missbrauchs durch die Bhadakh, des Ekels und der hilflosen Ablehnung in eine Verdinglichung münden, welche als Tragik nun durchaus nachvollziehbar wird, verstärkt durch den inneren Monolog, in dem er von allem, was ihn ausmacht, Abstand nimmt – im Aufbau parallel zum viermaligen „Ich bin“ und zweimaligen „Ich will …nicht“ des Vorromans (2652, S.62), aber deshalb nicht weniger eindringlich.
Parallelstellen zu dieser Dichotomie finden sich in Haensels anderen Romanen des aktuellen Zyklus zuhauf: 2604 beginnt mit dem Innenleben eines von extremem „Hunger“ (S.4) gehetzten Eisrochens in einer extrem lebensfeindlichen Umwelt, eine irreale Situation mit „wechselnde(n) Schwerkraftfelder(n)“ (S.15), in der ein neuer Horizont einem „in tausend Splitter gesprungenen Spiegel“ gleicht, und „jeder Splitter folgt eigenen Gesetzen“ (S.17). In einem Atemzug mit Trogey, dem „Cyborg“ (S.48), wird Lotho Kerate als „Mann aus Metall (S.17) erwähnt. Im Gegensatz dazu besitzt Jenke, eine Frau, die noch dazu „die Guten“ anführt, emotionale und physische Präsenz, sie beobachtet viele körperliche und räumliche Details, fasst andere an und hat innere Vorstellungen (vgl. 48–51), bis sie erneut mit einer „Holoprojektion“ (S.51) ihres Feindes Mareetu konfrontiert wird, der mit leeren Ideen manipuliert und anderer Leute Lebenswirklichkeit durch Einsperren und Ausnutzen beschränkt. All dies auf dem nebligen Weg zum zeitversetzten Leichnam eines immateriellen Wesens.
Das Titelbild von 2608 illustriert die physisch abgelöste Erzählweise ideal: Haare, aber kein Gesicht. Sprache fehlt, genial die Weise, in der die Persönlichkeit des Gegenübers entsprechend verzerrt wahrgenommen wird.
In 2617 finden wir einerseits Korbinian Bokos inverter Raum (vgl. S.59), der Rettung vor realer Gefahr durch Zimmerbrand – bei körperlicher Verstümmelung der Schwester - und Sonnenfeuer bietet, und der ausgelagerte Bewusstseinsfokus in Shanda Sharmottes Fast-Tod-Erfahrung (vgl. S.9f). Da ist die Betonung auf Adams’ „verkrümmte(r) Körperhaltung“, die ihn „kleiner erscheinen“ und „humpelnd“ (S.5) laufen lässt, im Kontrast zu Ybarris kritischen Überlegungen zu seiner Unsterblichkeit (vgl. S.7), parallel zu der Begegnung zwischen dem unveränderten Bostich und dem gealterten Tarmanac (2654, S.54).
Andererseits sind da seine allseits geschätzten, Lebensfreude verbreitenden Kochkünsten – ein „absoluter Glücksgriff“ (S.11) und retardierendes Moment in allumfassenden Stress, und der überaus lebhaften Darstellung des lachenden und sich kratzenden Mehandor und des polygamen Flint Surtland, der „fünf Frauen […], siebzehn Kinder und acht Enkel“ (2617, S.42) hat. Im Gespräch seiner Favoritin Aya mit der Robotermami Toja Zanabasar (vgl. S.42) treffen erneut Welten aufeinander, wie sie gegensätzlicher kaum sein können.
Das Gesicht des Regenriesen deutlicher beschrieben als die menschlichen Gesichter: „Die angedeutete Nase. Der geschlossene, trotzdem prägnant wirkende Mund. Der leichte Schattenwurf der hohen Wangenknochen“ (2634, S.16), noch dazu quadratmetergroße Hautabschürfungen. Übrigens haben wir mir der Cheborparnerin und dem Regenriesen erneut den Gegensatz von heißem Feuer und kaltem, weltraumkalten Wasser, wobei das Feuerwesen den Regen verehrt. Der Mensch mit „Rubinblut“ (2634, S.16) überschreitet den Gegensatz zwischen belebter und unbelebter Materie.
Dieser Doppelroman mit seinen Erdbebenschilderungen schwelgt ebenso wie „Tariga sehen und sterben“ in geographischen Fachausdrücken. Ein weiteres Stilmerkmal sind eindrucksvolle Eigennamen für Kunstwerke und Kulturdenkmäler, wie der Spottname „Zoo der toten Gedanken“ (2625, S.38) für fiktives Leben darstellende Plastiken, die Skulptur „Schizophrenie des Augenblicks“ (2625, S.47), der „Marsch der toten Seelen ins Feuer“ als unerwünschte Begleitmusik und die „Versinnbildlichung über die Eroberung der Galaxis“ (2653, S.58).
Ist die Präposition, die hier den Genitiv ersetzt, eigentlich dialektal, so wie das pfälzische „Wem ist das? - Das ist mir!“?
Auffallend auch das Selbstzitat zum Taschenbuchtitel Tariga, „Jupiter sehen und sterben“ (2617, S.46), verknüpft mit dem in der Fiktion sehr aktuellen Problem der schwarzen Schale um die Sonne.
So finden wir also bei genauerem Lesen der Handlung in den Romanen Haensels innerhalb der Erzählweise Tiefen, die auf tragende Denkmuster unserer Kultur zurüchgreifen. Die Ausarbeitung ist komplex und langkettig, und manche Aussagen werden eher durch die Struktur transportiert als durch die Story selber. Sie widersprechen dieser aber nicht, sondern bereichern sie.
Ein Problem bei der Analyse von Unterhaltungsliteratur liegt darin, dass „ernste“ Autoren sich zielgerichtet auf die Darstellung ihres jeweiligen bewussten Anliegens konzentrieren, dem das Erzählen an sich untergeordnet wird, während Unterhaltung viele Assoziationen enthält, so dass nicht jede Gleichheit automatisch sinntragend ist und man sich vor Überinterpretation schützen muss. Gerade wenn die Autoren im Team arbeiten. Das Weitererzählen und Fabulieren steht im Vordergrund, und eine Analyse des Ausdruckswillens Einzelner greift auf unterbewusste Tendenzen zurück. Diese Analyse dient lediglich dem Erschließen der Romane, sie hat keine andere, mystifizierende oder psychologisierende Funktion.
Neben den brillianten, sensationelleren Autoren wie Montillion und Thurner und den freundlicheren, von menschlichen Zügen bestimmte Situationen ausbauenden Erzählern wie Themsen, Ellmer oder Schwartz, die mir spontan zusagen, war mir Haensel in den anderthalb Jahren, die ich jetzt wieder regelmäßig PR lese, trotz erheblicher Produktivität nie wirklich aufgefallen – wobei ich sagen muss, dass ich im Alltag vor allem zur Unterhaltung lese, dies auch der expliziten Absicht der Serie entspricht und deswegen auch gut damit leben kann. Ein Bewusstsein für die ausgeprägte Gegensatztechnik, die seine Arbeiten strukturiert, und die sprachlichen Eigenheiten wird jedoch dazu führen, dass ich seine Romane in Zukunft mit wesentlich mehr Spannung erwarten werde.

Re: Charakteristik der Autoren

Beitragvon overhead » 6. Februar 2013, 00:47

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overhead
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@Alexandra

Wunderbar erarbeitete Texte - aber für Neuleserzu stark - Ich bin Altleser seit Band 1 PREA und kann damit umgehen......... :devil:

Jetzt habe ich mal 2 Fragen : :???:

1. Willst Du unserem guten Heiko Langhans Konkurrenz machen ? :fg:

2. Oder schreibst Du an einer Germanistik-Dissertation über SF-Schriftsteller und SF im allgemeinen......?? :devil:

Die Ironie ist wohl nicht zu übersehen........... :mrgreen:

Gruß overhead

Re: Charakteristik der Autoren

Beitragvon Alexandra » 6. Februar 2013, 01:34

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Alexandra
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overhead hat geschrieben:@Alexandra

Jetzt habe ich mal 2 Fragen : :???:

1. Willst Du unserem guten Heiko Langhans Konkurrenz machen ? :fg:

2. Oder schreibst Du an einer Germanistik-Dissertation über SF-Schriftsteller und SF im allgemeinen......?? :devil:

Die Ironie ist wohl nicht zu übersehen........... :mrgreen:

Gruß overhead



Starke Menschen als Konkurrenz zu erleben schmälert den Lebensgenuss ungemein, diese Denkkategorie sollte man sich möglichst bald abgewöhnen. Auch wenn es ironisch ist.
Dissertation schreibe ich keine, ich sitze seit langem auf meiner schönen Beamtenanstelle (an einer teamorientiert arbeitenden Gesamtschule), unterrichte Deutsch und Englisch. Diese Analysen mache ich zur Erholung, so wie andere Leute sich mit Sudoku entspannen, nachdem ich den Arbeitstag mit Literatur- und Grammatikunterricht verbracht habe.

Re: Charakteristik der Autoren

Beitragvon Heiko Langhans » 6. Februar 2013, 17:35

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Ich hab hier doch kein Monopol. Nie gehabt. :rolleyes:

Alles ist gut. :unschuldig:

Re: Charakteristik der Autoren

Beitragvon Alexandra » 7. Februar 2013, 21:51

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Heiko Langhans hat geschrieben:Ich hab hier doch kein Monopol. Nie gehabt. :rolleyes:

Alles ist gut. :unschuldig:





Leider habe ich von Heiko Langhans noch kaum was gelesen, ich bin ja auch erst ziemlich neu angemeldet und habe sicher noch viel Gelegenheit dazu. Die von mir verwendeten Methoden lernt man ab der 8. Klasse in jeder Schule mit gymnasialer Oberstufe – nur kommen viele Leute nicht drauf, wie viel Spaß man damit haben kann.
Hier ein Baukasten „eigenständige Stilanalyse für jedermann“.

Checkliste für eine Stilanalyse beliebigen Themas
A. Vorgehensweise
1. Grenze dein Untersuchungsobjekt ein.
2. Eine gründliche Textarbeit, d.h. Materialsammlung, ohne vorgefasste Ideen hält dir den Kopf frei, so dass du später in alle Richtungen denken kannst. Mache dir ungehemmt Notizen.
3. Später überarbeite deine Notizen mit verschiedenen Farben. Eventuell wirst du noch mal Material sammeln müssen, wenn du Thesen formst, weil du Aspekte einbeziehen musst, zu denen du nichts aufgezeichnet hast – das ist Übungssache.
4. Wenn du keine LK Deutsch hast und in keinem sprachlichen Studium steckst/ stecktest: Eine solide Textarbeit ist durch nichts zu ersetzen, wenn du eigenständig urteilen willst.
B. Abgrenzung des Untersuchungsbereichs
1. Ohne gezielte Eingrenzung schwimmst du bald. Weniger ist mehr. Gute Objekte sind:
• Eine Person, die nacheinander von verschiedenen Autoren behandelt wird. Fange erst mal mit zwei Versionen an.
• Raumgestaltung (Settings): Jeder Autor geht anders damit um. Suche einen Ort, der mehrfach vorkommt. Oder ausgestaltete Orte.
• Das Verhältnis von Sprechanteilen/ Gedanken/ Sinneseindrücken, durch die die fiktionale Figur sich konstituiert – so eine Romanfigur lebt ja nicht außerhalb des Textes, also untersuche, was sie jeweils an Leben hat.
• Sehr interessant, aber bisschen speziell ist der Gebrauch von Farbadjektiven/ farbigen Gegenständen.
• wenn du mal Stilmittel gelernt hast: Alliterationen, Parallelismen, Hypo- und Parataxe, Vergleiche, Metaphern, Oxymora und all das. Sie sind wie kleine Brecheisen, um unter die Oberfläche des Textes zu kommen.
• Auch bisschen speziell: das Verhältnis von impliziter oder expliziter Informationsvergabe, d.h. ob man am Verhalten merkt, wie jemand drauf ist, oder ob es erzählt wird.
C. Arbeitsrichtung
Gehe immer vom klar Erkennbaren, fiktional Faktischen aus und bewege dich dann ins Emotionale, Spekulative, Flüchtige, wo du Hypothesen brauchst. Auf dieser soliden Grundlage kannst du dann frei spekulieren. Sei kein Papagei – denk selber!

Re: Charakteristik der Autoren

Beitragvon Alexandra » 9. Februar 2013, 11:21

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Alexandra
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Der ironisch gemeinte Vergleich hatte mir bisschen die Petersilie verhagelt, hat mich enorm an Studienzeiten erinnert, als ich ewig darauf angesprochen wurde, ob wir das Buch, das ich gerade in der Hand hatte, auch wirklich lesen müssen... aber es war ja sicher nicht so gemeint.
Von wegen Stilanalyse - hier der zweite Abschnitt meiner umfangreicheren und bislang nicht fertiggestellten längeren Analyse. Das langt dann auch erst mal, denke ich.

Spoiler:
II. Sprachanalyse

Arndt Ellmers Durcharbeitung der Texte produziert übersichtliche Textabschnitte, wie man sie als Leser mal so am Stück liest, ehe wieder was dazwischenkommt, so dass man diese Vorgehensweise als praxisorientiert einstufen kann. Jeder Textabschnitt ist ein durchorganisiertes Einzelstück im Romanganzen. Deshalb werden wir in der Folge mehrere repräsentative Textausschnitte untersuchen, so dass wir grundlegende Einblicke in die Schreibart an sich erhalten.
Als erstes sei auf die enorme Menge an Alliterationen hingewiesen, welche nahe legt, dass Ellmer seine Texte hört, während er sie schreibt, und entlang akustischer Merkmale arbeitet. Zusätzlich fallen der Einsatz von Paraphrasen und Wiederholungen von Worten wie auch grammatischen Elementen als überaus häufig eingesetzte Mittel zur Textbindung auf. Personifikationen erfolgen in ungewöhnlicher Dichte. Zahlen und Farbadjektive treten gehäuft auf, Sinneseindrücke borden über und durch Redeeinleitungsformeln und Bewegungen erlangen die Protagonisten ein hohes Maß an Lebhaftigkeit. Darüber hinaus geht es immer irgendwann um Essen.
Die extrem dichte Durcharbeitung kleiner Texteinheiten sei anhand einiger Beispiele untersucht – zur Veranschaulichung habe ich hier die durch Lautfolgen verbundenen bzw.kontrastierenden Elemente unterstrichen.

„Ein wunderschön leuchtender Schmetterling saß auf der ausgeprägten Wölbung zwischen ihren beiden Atemöffnungen und bewegte freudig die Flügel. Sein leises Sirren verhieß Gutes, und die Jägerin gab sich ganz dem Gefühl der Wärme und des Wohlseins hin. Was scherten sie jetzt noch die Wüste und die Kuppel.“ (HvS, S.110)

In diesen 43 Wörtern finden wir mehrere Alliterationsreihen, die jeweils thematische Felder zusammenbinden: „wunderschön“, „Wölbung“, „Wärme“ und „Wohlsein“ verbindet sich trotz des emotional negativen Verbs „scherte“ – in Frage gestellt mit dem alliterierenden „was“ - mit der „Wüste“ als vertrauter Heimat, während „auf“ und „ausgeprägt“ den Schmetterling auf ihrem Gesicht verorten. „Gutes“ und „Gefühl“, zusammen mit „gab“ und „ganz“, lassen sich zusammen lesen. Auch „leuchtend“, „“Flügel“ und „leise“ verbinden sich inhaltlich ebenso wie über den Liquid l, wobei der Frikativ f auch „Atemöffnungen“, „freudig“ und „Flügel“ verbindet. Die Adjektive „leuchtend“ und „freudig“ verstärken einander via Assonanz.
Die sich binnenreimenden Satzanfänge „Ein“ und „Sein“ verbinden sich zu einem Gefühl der Zugehörigkeit, wobei sich einerseits mit „ihren“ „Sein“ sich mit „saß“, „Sirren“, „sich“ und „sie“ und dem Endlaut von „verhieß“ zu einer Kette fügt, andererseits kontrastiert es mit dem anderen Possessivpronomen „ihren“, womit wir bei Rihanna angelangt sind, deren Bewusstseinsvorgänge ausgedrückt werden: „Schmetterling“ und „ was scherten“ vermitteln die Art von Unbeschwertheit, die sie empfindet. „Jägerin“ und „jetzt“ beleben durch Spannungssignale, während „Kuppel“ als unbekanntes Ziel allein steht, höchstens über die Endung mit „Flügel“ verbunden.
Diese Analyse ließe sich noch weitertreiben, man beachte etwa „Ein leises Sirren“: 4x s, die Liquide l und r, die viele Asiaten als ein einziges Phonem wahrnehmen, also keinen Unterschied hören können (die stereotypische „Flühlingslolle“), 2x End-n, und als Vokale 2x ei, ausgesprochen [ai], graphematisch jedoch mit den im dritten Wort getrennten i und e verbunden. Dort kaum bewusst gestaltet, aber ähnlich funktioniert auch die Schreibung „Shaveena Deb“ (2624, S.34), da die Schreibung „Dev“ dieses verbreiteten indischen Familiennamens wesentlich häufiger vorkommt.
Die paarbildenden Possessivpronomen paraphrasieren die Verortung des Schmetterlings „zwischen ihren beiden Atemöffnungen“ und lassen so die Idee von „Mitte“ und „Balance“ anklingen, welche sich leitmotivisch durch den gesamten „Sonnenland“-Roman zieht, man vergleiche „er beeilte sich, in die Mitte zu kommen, um die Balance zu halten“ (HvS, S.25), „Sitz des Herrschers im Stadtzentrum“ (HvS, S.49), „Er sprang auf und ging umher. Zwei Schritte nach links, zwei nach rechts“ (HvS, S.103) oder „Wo war das Zentrum und wo der Stadtrand?“ (HvS, S.119).
Wir finden in diesen 43 Wörtern fünf bestimmte Artikel, dreimal „und“ und fünf Verben, welche aktive Tätigkeiten von Lebewesen bezeichnen, wobei „Sirren“ schon als Personifikation gedeutet werden kann.
Ellmer setzt seine Alliterationen aber auch ein, um gefährliche Situationen zu beschönigen, wie in „Ein enger Schacht mit einer Sprossenleiter führte mehrere Etagen nach unten. Unterwegs schloss er mehrere Zwischenböden aus dickem Stahl“ (HvS, S.92). Sie suggerieren einerseits über die Zischlaute Gefahr, andererseits jedoch Zusammenhang, und die Personifikation verstärkt das angenehme Gefühl, nicht allein zu sein.
Textbindung durch die Anordung der Protagonisten als Paare oder als zwei zusammengehörige Menschen finden wir oft in der Personenkonfiguration, was den Romanen Geschlossenheit verleiht, aber wir finden sie auch auf sprachlicher Ebene als strukturierendes Merkmal:


Es blieben Selbstgespräche, und doch waren sie Kommunikation zwischen ihm und ihr. Er versuchte zu ergründen, was und wie sie geantwortet hätte, und sprach ihr die Antwort dann vor. Zwei Stunden blieb er bei seiner Schwester, und sie führten stille Zwiesprache. Dann ging Korbinian hinaus, kuschelte sich auf dem Sofa an seine Mutter und schlief, bis er die Stimme wieder hörte. (2616, S.16)

Hier sind „zwei“ und „Zwiesprache“ als Gegenpol angeordnet – dieses Umdrehen findet sich immer wieder - innerhalb der entsprechenden Assonanzreihen, z.B. „seiner“ und „blieben“, der Vokal i dominiert diesen Absatz durchgehend.
Die sehr vielen Alliterationen, die sich wiederum zu Begriffsfeldern ordnen, sind unter anderem „Selbstgespräche“, „sie“ (3x), „sich“ und „Sofa“, also Ort und Art des Geschehens, dann „waren“, was“ und „wie“, das seine Grübeleien zusammenfasst. „Blieb bei“ formt automatisch eine Alliteration, außerdem finden wir „Kommunikation“, „Korbinian“ und „kuschelte“, dann „zwischen“, „zu“, „zwei“ und „Zwiesprache“, was die Partnerbeziehung hervorhebt, und als letzte große Lautreihe ist zu nennen „Selbstgespräche“, „zwischen“, „sprach“, „Stunden“, Schwester“, „Zwiesprache“, „kuschelte“ und „Stimme“, diese wirkt in diesem Kontext lautmalerisch beruhigend, wie „Pscht“, das ja angeblich dem Geräusch des mütterlichen Blutkreislaufs entspricht, was das Baby beruhigt, weil es sich als Fötus daran gewöhnt hat.
Darüber hinaus wird das widersprüchliche Begriffsfeld „Selbstgespräche“, „Kommunikation“, „was und wie sie geantwortet hätte“ und „Stimme […] hörte“ ausgelotet, zusammengeführt wird die Problematik in „stille Zwiesprache“ – ein Oxymoron, das den thematisierten Widerspruch zusammenfasst. Die Mutter bleibt ohne lautliche Verknüpfung, so wie sie auch inhaltlich nicht in die enge Verbindung zwischen den Zwillingen reinkommt.
Auch die Pronomina bilden ein dichtes Netz: Das Gegensatzpaar „ihm“ und „ihr“ wird variiert und erzeugt Verbundenheit im Gegensatz. „Seine Mutter“ und „seine Schwester“ drücken aus, dass er sich geborgen fühlt, und die Wiederholung von „bleiben“ weist eindringlich auf seine geduldige Beharrlichkeit hin. So ist der durch die Buchstabenverdrehung von „zwei“ und „zwie“ erzeugte Gegenpol nur Kristallisationspunkt für zwei andere Elemente, die über ihre Gegensätzlichkeit verbunden werden.
Eine einfachere Textbindung durch Wiederholung finden wir in „ ,Es ist gleich Mittag. Wir sollten zum Essen zurück sein’. ,O ja! Mittagessen!“ (2616, S.11). Und eine simplere Aneinanderbindung von Widersprüchen mit „Es klang zu glatt, wie er es sagte. So, als sei es das Normalste der Welt.“ (2616, S.40).
Seltener finden wir die Strukturierung anhand grammatischer Strukturen., wie die Erweiterung des Präsens zum Perfekt und dessen beharrliche Repetition, variiert durch die Alliteration auf a und ä und die vorgezogene Erstsilbe des Indefinitpronomens „jemand“ in „wie eh und je“ – letztere zeigen wieder jene beliebte Verdrehung des e-Vokals und die Verwendung einfacher, konkreter Vergleiche aus dem Alltag, die Ellmer regelmäßig zur Veranschaulichung abstrakterer Inhalte verwendet:

„Benk Benkro fiel aus allen Wolken. ‚Er hat es. Bei der Allmacht. Ferenc, er hat es gefunden.’ ‚Die Eingabetastatur ist dieselbe geblieben. […] Abgenutzt wie eh und je. Nur der Abstand der vorderen Abdeckwand zu ihr hat sich vergrößert. Wenig zwar, aber immerhin. Jemand hat eine Änderung vorgenommen.’“ (HvS, S.37).

Wobei wir auch hier das typische Wiederholungsmuster feststellen können, wenn fünf Zeilen weiter beide Hilfsverben zur Perfektbildung noch mal als Vollverben im Präsens auftauchen: „Wir haben keine Informationen. […] Wir sind ebenso überrascht wie du.“ (HvS, S.37). Bei Ellmers abwechslungsreichem Einsatz von Verben fällt diese schmucklose Bauart aus dem Rahmen. Die Perfektsätze wechseln sich regelmäßig mit verblosen Ellipsen ab, die mittlere allerdings über das Partizip Perfekt „abgenutzt“ mit dem Perfekt verbunden.
Eine weitere Eigenheit dieses Autors ist der intensive Einsatz von Zahlenreihen, aber auch die Ballung von Farbadjektiven. In der schwankenden Wirklichkeit von „Sonnenland“, die ich zuerst untersuchte, und hielt ich die Zahlenreihen für ein Textsignal, das Irrealität indizieren sollte, denn Zahlen unterbrechen Gefühle, und Gefühle erzeugen die Wahrnehmung, etwas sei wirklich. Mit 2616 verstand ich aber, dass Ellmer Zahlen und Daten im Gegenteil dazu einsetzt, eine fiktionale Wirklichkeit zu etablieren, vor allem natürlich auf jenen Seiten, in denen er in technischen Beschreibungen schwelgt (vgl. z.B. HvS, S. 87-89 und 2616, S.7-10). Ein gutes Beispiel ist das Gespräch der Besatzungsmitglieder über die eintreffenden Nagelraumer mit 17 Zahlwörtern auf einer Seite (vgl. 2616, S.7).
Andererseits ballen sich Farbadjektive in Verbindung mit Variation, Wiederholung und Personifikationen:

„Das satte Blaugrün der Vegetation übte eine faszinierende Wirkung auf Tarmanacs Farbempfinden aus. Türkis war seine Lieblingsfarbe. […] etliche Edelsteine dieser Farbe […] während er das Gras und die Blätter und Ranken auf sich wirken ließ, trat […] ein nur leicht wahrnehmbarer Farbwechsel ein. Das Türkis und die übrigen Schattierungen wurden eine Nuance heller. […] Es blieb dunkel, bis sich das Schott über dem Fahrzeug wieder geschlossen hatte. Dann flammten Scheinwerfer auf […] und tauchten die Umgebung in orangefarbenes Licht. (2655, S.15).

oder
„ ,Alles im grünen Bereich. […] Merkur sank unter dem Schiff in die endlose Weite des Weltalls, die sonnenzugewandte Seite von goldenem Lichtglitzer umhüllt“ (2616, S.6)

„Lichtglitzer“ ist ein anschaulicher Neologismus. Zusätzlich findet sich in beiden Textstellen jene ganz auffällige Tendenz, wirklich jede Tätigkeit zu personifizieren, so dass Ellmers Protagonisten sich stets in einem durchgängig belebten Universum aufhalten. Jeder Gegenstand, jede Sache tut gerade etwas, und die Lebewesen sowieso. Im folgenden Beispiel wird eine besonders starke Personifikation der Brandung mit Merkmalen des Horrorromans als „Schauermärchen“ des „Volksmunds“ plausibel gemacht:

„Manchmal, so berichtete der Volksmund, krochen gierige Zungen aus der schmalen Meerenge zwischen den Kontinenten […] auf der Suche nach organischer Nahrung: Immer wieder erwischten sie Beute, die allzu sorglos die saftigen Wiesen abweidete. Manchmal verschwand sogar ein Travnorer in der Tiefe. (Er) kannte die Hintergründe solcher Schauermärchen. Die Klippen an der Meerenge waren besonders steil. Das Wasser hatte Furchen in das Gestein getrieben, das Gras die messerscharf aufragenden Kanten überwuchert. Wer fehlging, verschwand mit etwas Pech in der Tiefe. Und selbst wer sich an die Wegweiser hielt, wurde mitunter von hochschießenden Zungen der Brandung gepackt und in die Tiefe geschleudert.“ (2655, S.19)

Die Szenerie wird entsprechend mit der magischen Zahl drei strukturiert. „Manchmal“, „manchmal“ und „mitunter“ sind eine Gruppe, eine andere formen „gierige Zungen aus der schmalen Meerenge“, „Wasser“ und „Zungen der Brandung“. Diese suchen „organische Nahrung“, erwischen Beute“, hatten „Furchen getrieben“, packen und schleudern in die Tiefe. „Tiefe“ wird dreimal wiederholt, die Klippen sind „besonders steil“ und das Meerwasser hat Furchen hineingetrieben in die „messerscharf aufragende(n) Kanten“. Nach der weidenden Beute kommt dreimal die intelligente: Zu Tode kommen „Travnorer“, „wer fehlging“ und „wer sich an die Wegweiser hielt“ – letzteres eröffnet eine Ebene der Boshaftigkeit, da das Unglück unverschuldet eintreten kann, vertieft durch die dreifache Verbgruppe des Ursachenkatalogs: allzu sorglos zu sein, fehlzugehen und Wegweiser zu beachten führt gleichermaßen in die Katastrophe.
Im Folgetext dieses Zitats finden sich, und das ist repräsentativ, fast nur personifizierte Verben: Glitzernde Punkte bilden ein Netz, Kamerasonden beobachten, registrieren Bewegung und lösen Alarm aus. Roboter schießen aus dem Gebüsch und analysieren. Sofern in Ellmers Romanen überhaupt Sachen geschildert werden und nicht die Bewusstseinsvorgänge der Lebewesen, die mit ihnen zu tun haben, sei es in direkter oder erlebter Rede, sind sie lebendig. Ellmers ganze fiktionale Welt wimmelt vor Leben.
Auch der folgende Ausschnitt, in dem Bildlichkeit von Feuer und Wasser sich mischt, stellt einen Vorgang so dar, als würden die einzelnen Objekte eines nach dem anderen aktiv werden:

Aggregate schmolzen und sanken in sich zusammen. Fontänen glühenden Materials eruptierten wie bei einem Vulkan, verflüssigten die Decke und ließen ganze Lagerräume aus der darüber liegenden Etage nach unten stürzen, in das kochende Meer hinein. Explosionen erschütterten den Sektor. […] Der Rumaler deutete mitten in das Meer aus Rauch und kochendem Metall. […] (D)ie Kerntemperatur (lag) inzwischen bei dreitausend Grad und stieg mit jeder Sekunde. In seinem Innern arbeitete es, als handle es sich um ein Lebewesen.“ (2624, S.31)

Überhaupt ist Ellmers fiktionale Realität durch ständige sinnliche Wahrnehmbarkeit konstituiert. Die Settings sind aufs Genaueste verortet, die Wahrnehmungen seiner personalen Erzähler, über welche die Story transportiert wird, erstrecken sich über alle fünf Sinne: Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Berühren, dazu kommt ihre gedankliche Aktivität, mit der die wahrgenommenen Objekte erfasst werden, die Verfärbungen ihrer Wahrnehmung und ihr Langzeitgedächtnis, ihr Hintergrund, die die Personen prägen. Implizit vermitteln die Sinneswahrnehmungen die Gefühle der Protagonisten:

„Nemo Partijan fühlte sich, als habe ihm jemand ein Brett vor die Stirn geknallt. Das Blut rauschte in seinen Ohren, vor seinen Augen tanzten bunte Kreise. Er starrte das Bündel an, das zwischen den Fingern des Handschuhs zuckte. Würmer, Riemen, was auch immer. Die Oberfläche ähnelte Metall.“ (2637, S.19)

Zu Beginn dieses Abschnittes stellte ich die These auf, dass Ellmer die Texte hört. Dem möchte ich eine weitere Beobachtung hinzufügen: Er rhythmisiert durch Zweiermuster und Dreiermuster. Schlagen wir 2637 auf, so finden wir gleich in der ersten Spalte auf den ersten Blick vier Dreiergruppen auf verschiedenen Ebenen. Da ist die Reihe „500 Meter“ – „halb voll“ – „fünf Lichtjahre“, dann der Kaffee, der überschwappt, sich rollt und zur Ruhe kommt. Als nächstes kommen in fünf Zeilen drei Raumschiffnamen, nämlich die BASIS, die SICHOU-1 und die KADURA und zwei Alliterationen auf K: „‚Kein Kontakt zur KADURA“, meldete die Steuerpositronik des Kugelschiffs“, und dann „Wir korrigieren den Koordinatenfehler mit einer Kurzetappe.“ (2637, S.4).
In der Szene mit Gucky, Nemo und einem Xylthen, in dem Dialog und Dreiergespräch variieren, wechseln sich je nachdem, ob die beiden den Xylthen mit einbeziehen, auch in der sprachlichen Gestaltung Dreiergruppen mit Zweiergruppen von Begriffen ab, zwei davon in der Beschreibung des Handbuchs für den „einzigen und einzigartigen Helden diesseits und jenseits der Milchstraße“, zwei andere Doppelbegriffe, als „der Ilt „nie und nimmer hören (wollte), dass er der Letzte seines Volkes sei. Bestimmt gab es Überlebende“, passenderweise im Dialog des ungleichen Paares Nemo und Gucky: „Für den Fall, dass ich einen Fehler mache, rettest du uns.“ (2637, S.18) Der Rhythmus der Informationseinheiten geht hier mit der Zahl der Personenkonfiguration mit, er vertont sie sozusagen.
Ein Nachsatz zur Personifikation und deren Gegenteil, der Depersonifikation: Ein paar Sätze später „schälte (Nemo) den Kerl aus Jacke und Hose“, ein sprachliches Mittel, das mein letzter Stammkurs, die glorreiche 13a der IGS Otterberg, Abi 2012, als „Pflanzifikation“ bezeichnete, in Gegensatz zur Personifikation. Es war der Kurswitz. Pflanzen werden personifiziert, Menschen werden, nun ja…pflanzifiziert eben. Der Begriff „Depersonifikation“ macht keinen Unterschied zwischen belebtem und unbelebtem Nichtmenschlichen. In diesem Kontext untermauert die „Pflanzifikation“ die These, dass bei Ellmer alles lebt, sich alles bewegt. Auf die Entmenschlichung als Mittel der Komik werde ich bei 2637 eingehen.
Den Folgeroman zu 2655 schrieb Vandemaan, der Meister der Fragesätze und der mit Fragewörtern und der Konjunktion „dass“ eingeleiteten Nebensätze. Erneut ein auffälliger Stilwechsel: Diese Strukturen kommen bei Ellmer kaum vor. Fragesätze gibt es bei ihm, wenn die Protagonisten was nicht wissen. Das „wie“ kommt regelmäßig in Vergleichen bevorzugt aus dem Alltagsleben vor, etwa „wie ein Schwamm“(2624, S.7), mit denen er das Beschriebene veranschaulicht. Komplex aufgebaute Vergleiche wie beim von Themsen beschriebenen Haar, das „wie ein feuriger Bach ihren Rücken hinunterläuft“ (2658, S.17) gibt es bei Ellmer nicht. Seine Vergleiche sind bodenständig.
Weitere Vergleiche bildet er mit „als“ plus Konjunktiv I, wenn jemand etwas tut „als sei es das Normalste der Welt“ (2616, S.40). Ansonsten dominiert der Relativsatz, der ja immer ein Nomen des Hauptsatzes näher erläutert. Wo Vandemaan viel offen lässt, erklärt Ellmer zuverlässig, übersichtlich und sehr genau.
Wobei er da schon seine eigenen Dinger dreht: Fremdwörter wie „dekontaminieren“ (HvS, S.5) oder „Katakomben“ (HvS, S. 27) werden unmittelbar erklärt, wobei Ellmer in der Regel zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt, da ersteres den gleich den Aufhänger liefert, die zerstörte Umwelt darzustellen, und bei zweiterem die Bedeutung als unterirdische Anlage, um die Ebene der technischen Anlagen, die alle dort Verborgenen am Leben erhalten, ergänzt wird. So erweitert er die reguläre Bedeutung des Begriffs um eine nur im jeweiligen Textzusammenhang gültige Ebene. Die Fremdwortdichte an sich ist aber eher gering, außer bei technischen Beschreibungen, in denen er immer wieder seitenlang schwelgt.
Nebenmotive können Texte binden, wenn sie im Romanverlauf im mehreren Kontexten auftauchen und sich dabei entwickeln. Da wäre etwa der Wurm. In 2637 finden wir einen „gewaltigen Pfeiler aus dunklem Gas, einem riesigen, sich windendem Wurm nicht unähnlich“ (S.11) als dreiköpfigen Zerberus mit Tryortan-Schlünden. Nemo und Gucky materialisieren „in einem metallenen Tunnel. Dumpfes Wummern drang auf Nemo ein“ (S.16). Akustisch sind „Wum“ und „Wurm“ fast gleich, die Form des Tunnels bildet die passende Form ab. Die Handfesseln des Xylthen zucken in Nemos zitternden Händen, er sieht „Würmer, Riemen, was auch immer“ (S.19). Der Xylthe, der Gucky als „Wanzenpalast“ tituliert, bringt auf derselben Seite noch eine eklige Tierart ein, Gegenstück sind die Roboter am Reinigungsbecken (vgl. S.23), farblich entspricht ihr das „rötlich braune Material“ (S.28) des inneren Bezirks von APERAS KOKKAIA, das das „silbergraue Metall“ (S.28) ablöst – dieser Farbwechsel zieht sich weiter durch den Text. Die Badakk sind zylinderförmig, fliegen Zylinder und bilden „Röhrchen“ (S.29) aus. Später hört Gucky die akustischen Signale der gefangenen Xylthen: „Es zirpt […] wie von Ungeziefer“ (S.38). Der Gefangene, der sich vor Körperbehaarung ekelt, aber selber Blut schwitzt (vgl. S.44), nennt ihn „Flohfalle“ (S.44), womit wir das dritte Ungeziefer hätten. Mit dem Namen „Flofal“ für Gucky, der urprünglich Plofre hieß, läuft die Linie aus. Solch eine Kette begleitet die eigentliche Handlung als Nebentext, der den Roman zusätzlich zusammenhält.

Re: Charakteristik der Autoren

Beitragvon overhead » 9. Februar 2013, 16:14

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overhead
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@ Alexandra

Hast Du denn meinen ersten Satz vollkommen überlesen.................?????? :o(

Und das ganze danach war doch ironisch gemeint......... :o(

Ich mag Deine "Bescheibungen" der Autoren, vor allen Dingen, weil ich noch nie so an Sie herangegangen bin.......... :st:

Gruß overhead

Re: Charakteristik der Autoren

Beitragvon Alexandra » 9. Februar 2013, 21:47

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Alexandra
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overhead hat geschrieben:@ Alexandra

Hast Du denn meinen ersten Satz vollkommen überlesen.................?????? :o(

Und das ganze danach war doch ironisch gemeint......... :o(

Ich mag Deine "Bescheibungen" der Autoren, vor allen Dingen, weil ich noch nie so an Sie herangegangen bin.......... :st:

Gruß overhead


Der Punkt geht an dich - es gehört halt eine gewisse Art Psyche dazu, so lange Gedankenketten zu bilden.... Danke für das positive Feedback!!!

Re: Charakteristik der Autoren

Beitragvon cold25 » 10. Februar 2013, 06:01

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Hat jemand denn noch Lust auf eine Charakterisierung der klassischen Autoren eizugehen. Das wäre klasse!
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908 William Voltz - Aura des Friedens

Re: Charakteristik der Autoren

Beitragvon Alexandra » 10. Februar 2013, 10:58

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Alexandra
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cold25 hat geschrieben:Hat jemand denn noch Lust auf eine Charakterisierung der klassischen Autoren eizugehen. Das wäre klasse!


Die "klassischen" Autoren sind schon ziemlich lange her ... ich für meinen Teil habe damals gelesen und geträumt statt, wie heute, zu analysieren - aus professionellem Interesse und auch, um mir einen Überblick zu verschaffen. Und ich zögere, in diese Bereiche zurückzugehen, um sie auseinjanderzubasteln, erinnert mich an die Geschichte mit dem Robot (von Asimov??), der von seinem Menschen zerlegt, untersucht und zusammengebaut wurde. Weil er wiederum seinen Menschen als Vorbild und überaus interessant empfand, baute der Robot ihn auseinander, untersuchte alle Teile genau und setzte ihn wieder zusammen... aber es ging nicht.
Um das mal anzudenken - mit dem Start der ATLAN-Hefte haben wir erst mal einen Band von Voltz in neuem Hochglanzcover. Laut Perrypedia erschien er am 4. Mai 1981, also vor ca. 32 Jahren. Das war eine völlig andere Zeit damals, man hatte einen Walkman, nahm mit dem Kassettenrekorder Songs aus dem Radio auf, die Geschäfte hatten Mittagspause und schlossen spätestens 18.30, es gab drei Fernsehprogramme plus bei gutem Wetter Österrreich I und II (in Bayern), ab 23.00 kamen paar intellektuelle Filme (wegen denen gewisse Leute übernächtigt in die Schule gingen) und dann das Testbild bis ca. 10 oder 11 Uhr. Der Besitz eines PC war noch außergewöhnlich. Die PR-Hefte trugen den Namen des Autors innen versteckt, und das wirkte so, dass ihre Rolle eher kaschiert wurde. Die Serie war und es gab dabei Autoren, sozusagen. Das waren eh uralte Leute - es gab aber auch kaum Fotos in den Heften. Die eigentliche Studentenbewegung war auch vorbei, dafür protestierte man gegen die Aufrüstung, Atomkraftwerke und Wiederaufbereitungsanlagen und regte sich auf, wenn Politiker bei eine Lüge ertappt wurden - und es gab genug Leute, die sagten: "Geh bloß zu keiner Demonstration, sonst bekommst du später nie einen Job." Zumindest in Bayern.
Der Perrypediaartikel weist darauf hin, dass Voltz als einer der Gründervbäter die Serie prägten - sie schufen die grundlegenden Strukturen, auf die immer noch in hohem Maße zurückgegriffen wird. Die Chronologie seines Einstiegs via K.H. Scheer kannst du dort nachlesen, ebenso, dass er
eine "zutiefst humanistische Einstellung" umsetzte, Er erschuf "die stillen Helden, die ohne Pathos ihrer Aufgabe nachgingen, und diese zum Wohle aller erfüllten." Allerdings starben diese liebevoll aufgebauten und charakterisierten Charaktere ebenso schnell, wie sie ind Leben - in die Serie - getreten waren, um die Anzahl der dauerhaften Handlungs- und Sympathieträger überschaubar zu halten. Der Begriff hierzu lautet "voltzen" und ist aufgrund der Belebtheit dieser sympathischen Nebenfiguren negativ belegt.
Das mit der Reduktion zugunsten der Übersichtlichkeit hat was... und die lebevoll ausgebauten Nebenfiguren, oft eigenwillige, verschrobene, bis zu ihrem Outcome erfolglose Sonderlinge, haben wohl viele von uns am Lesen gehalten und uns im Alltag bei Laune gehalten.

Zu Voltz' seiner Exposétätigkeit ein längeres Perrypediazitat:
"Ab Band 650 beerbte er K. H. Scheer als Exposé-Autor und bestimmte den Kurs der Serie über lange Jahre hinweg. In dieser Zeit hatte er viele Richtungen der Serie festgelegt, einen Hintergrund und Überbau geschaffen, der Perry Rhodan heute noch durchdringt und prägt. Manchmal auch nicht sehr zur Freude der derzeitigen Autoren, die auch mit der Beliebtheit des Autors bei den Fans kämpfen mussten und so manches Mal erlebten, dass eine Veränderung der Konzeption von William Voltz Widerstand in der Gemeinde hervorrief.
Für die Bearbeitung der einzelnen Heftromane und deren Transferierung in die Silberbände erstellte William Voltz eine Konzeption, mit deren Hilfe die Tendenzen der frühen sechziger Jahre umgangen wurden. Um den globalen gesellschaftlichen und weltanschaulichen Veränderungen seit der Hochzeit des Kalten Krieges Rechnung zu tragen, wurden alle übertriebenen, einseitig glorifizierenden Darstellungen der Terraner, übertriebene Schwarz-Weiß-Schematisierungen anderer Völker (insbesondere des Feindbildes), allzu drastische militärische Darstellungen, etc. entschärft. Sie wurden entweder umgeschrieben oder fanden keinen Einzug in die Bücher." (Perrypedis/ Wilhelm Voltz

Tatsächlich ist das der Aufbau der gesamten Superintelligenzenüberbaus, mit dem Auftakt im kosmischen Schachspiel ES versus ANTI-ES (ab 600): Kosmisch als von höheren Mächten bestimmt, Kampf des Guten mit dem Bösen, Burgen, Ritter, schließlich Heirat mit der Kosmokratenprinzessin. Das, was in den multiplen Superlativ getrieben und aktuell als sperrige Konstante um- oder abgebaut werden soll.

Voltz' erster PR-Band handelt von einer Konfrontation weniger Menschen auf einem einsamen, kleinen Schiff mit einem übermächtigen Wesen, das als hoffnungslos unterlegener Eingeborener - begabt für Leute seiner Art, aber doch total was einfacheres, kann vielleicht ein wenig hochgezogen werden - von einer "Primitivwelt" mitgenommen wird und sich als völlig überlegen entpuppt. Damals entdeckt man ja die Dritte Welt und kaufte sich von echten Afrikanern hergestellten Holzschmuck. Unter den Begriffen "Ethnozentrismus" und "Postkolonialismus" kannst du da sicher viel nachlesen. Die Problemlösung erfolgt durch den rückhaltlosen persönlichen Einsatz der zufällig Betroffenen. Ein Telepath dabei, aber keine Superintelligenz weit und breit.
ATLAN 500 habe ich beim Wiederlesen erstaunlich genau wiedererkannt, Namen und alles, und ein bisschen habe ich natürlich über die Unterschiede nachgedacht, weil ich sofort anfing, die Story zu lesen statt über den Aufbau nachzudenken. Vielleicht alte Gewohnheit. Nur so aus dem Kopf geschrieben: Erstens die sehr aufwändig gestaltete negativ gezeichnete soziale Hierarchie, der sich verbündende Einzelkämpfer, die Mut, Hoffnung, Initiative haben, entgegenstellen - angeführt von Atlan mit seinem höheren Auftrag. Die Kosmokraten wurden damals nicht kritisiert, höchstens ihre Feinplanung angezweifelt. Modell: Die Vertreter der Hierarchie, die man so trifft, taugen nichts, aber ganz ober steht doch wer Gutes.
Auffällig auch die sehr ausgeprägte Raumgestaltung SOL im Innenraum, SOL von außen, SOL in der Mausefalle, die sich bewegende SOL in einem koordinatensystem mit der sich ebenfalls bewegenden Burg. Menschen innerhalb der Raumkörper, wie sie diese wahrnehmen und sich zwischen ihnen bewegen. Charakterisierung der Menschen durch ihre Räume: der grausame High Sideryt in seinem finsteren Gemach; die neugierigen Buhrlos, frei im offenen Raum und unfähig, in einem ihrer Räume eines ruhigen Todes zu sterben.
Wie die Protagonisten sich in den Räumen bewegen - Konfrontation mit Objekt/ Wand/ verschlossener Tür, dann Öffnung, dann Erkunden des neu eröffneten Raumes, und sei es auch nur in der Beschreibung des Autors beim Durchrennen - erzeut das Gefühl, wirklich in etwas Neues vorzustoßen, sich etwas anzueignen - das fiel mir auf, weil Richard Dübell in "Toufec" mit einem ähnlichen Dreischritt eine so angebehm positive Grundstimmung erzeugt, aber nicht mit Raum, sondern mit Nennung - Ausbau des Genannten - weiterer Ausbau - neue Nennung (kann man auf jeder Seite nachweisen).
Aber es gibt sicher viele ältere Leser, die hierzu viel schreiben können... :) :o) :D
Aber es handelt sich nicht nur um einen technischen Optimismus (womit ich Schreibtechnik meine, nicht Techniktechnik, sondern auch einen echten Wunsch, eine Botschaft rüberzubringen.

Re: Charakteristik der Autoren

Beitragvon Sonnentransmitter » 11. Februar 2013, 01:40

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Sonnentransmitter
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Wow, toller thread! Tolle Beiträge durch Alexandra!

Was hier das "voltzen" angeht, habe ich mir mal überlegt, wo denn bitte schön der später so heftige Einfluss von Kurt Mahr auf die Serienhandlung anfing (womit ich seine Funktion als Serienphysiker meine).

Die ersten echten Einflüsse von ihm auf die übergeordneten Serienstrukturen kommen mit den Schwärmen zum Tragen (in den 5xx-Romanen). Das war schon auffällig. Später war Kurt Mahr nicht nur der Hauptverantwortliche für das Zwiebelschalenmodell, er hat auch das Multiversum definiert - mit allen Eigenheiten wie "Nullmateriefeld", Möbiusband, Antimaterie, Tarkan, Arresum, etc. Das hat ihn wohl am meisten ausgemacht. Nach #1700 kam dann Rainer Castor, der aber nicht das physikalische Verständnis eines Kurt Mahr aufweist und mehr so eine Art "Techniker" war und ist...

Bis heute haben die Strukturen, die von Kurt Mahr geschaffen wurden, einen enormen Einfluss auf die Serie.

Re: Charakteristik der Autoren

Beitragvon Tanuki » 11. Februar 2013, 12:24

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Tanuki
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Sonnentransmitter hat geschrieben:Bis heute haben die Strukturen, die von Kurt Mahr geschaffen wurden, einen enormen Einfluss auf die Serie.


Hmmm.... ich dachte, heute haette Terry Pratchett den groessten Einfluss. :devil: :saus:

Re: Charakteristik der Autoren

Beitragvon cold25 » 11. Februar 2013, 19:54

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Sonnentransmitter hat geschrieben:Wow, toller thread! Tolle Beiträge durch Alexandra!




Freut mich das der Thread doch noch Anklang findet, nachdem es am Anfang so aussah als würde er als Niete durchgehen :D
Und ich kann mich dem nur anschließen die Beiträge sind richtig toll.

Was mich noch interessieren würde... was hat zbsp ein Ewers anders gemacht als Vlcek, Francis, Darlton oder Kneifel ..die Romane von Voltz oder auch Mahr tragen zbsp im Konzil Zyklus eine eigene Handschrift, bei den zuvor genannten Autoren ist mir in den bisher gelesenen Romane noch keine herausragende Handschrift aufgefallen, so daß ich sagen würde ahh das ist bspweise ein typischer Vlcek oder Ewers Roman :)
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908 William Voltz - Aura des Friedens

Re: Charakteristik der Autoren

Beitragvon Alexandra » 11. Februar 2013, 21:25

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Alexandra
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Tanuki hat geschrieben:
Sonnentransmitter hat geschrieben:Bis heute haben die Strukturen, die von Kurt Mahr geschaffen wurden, einen enormen Einfluss auf die Serie.


Hmmm.... ich dachte, heute haette Terry Pratchett den groessten Einfluss. :devil: :saus:


Kannst du diese These präzisieren? :)
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